Ich schreibe euch heute über ein Thema, das auf den ersten Blick nach Industrie, Lobby und Konferenzkaffee riecht. Und trotzdem landet es am Ende bei euch auf dem Hof, im Leasingvertrag und manchmal sogar im Gebrauchtwagenpreis.
Europa wollte bei Batteriezellen nicht nur mitspielen, sondern mitmischen. Am besten laut, stolz und möglichst unabhängig. Gigafactories sollten wie Pilze aus dem Boden schießen, und zwar nicht die hübschen im Wald, sondern die riesigen aus Beton, die später Millionen Autos antreiben.
Und jetzt? Jetzt bekommen diese Pläne Dellen. Einige Projekte werden verschoben, andere werden stiller, manche kippen um und bei manchen fällt das Wort Insolvenz, ein Begriff den man insbesondere im Zukunftsbereich äußerst ungern liest und/oder ausspricht. Viel Spaß beim lesen von: „Europas Batteriepläne bekommen Dellen: Was der Stopp von Gigafactories für Preise, Jobs und Lieferketten heißt“.
Warum das überhaupt wichtig ist
Batterien sind beim Elektroauto nicht irgendein Bauteil. Sie sind der teuerste und strategisch wichtigste Teil. Wer die Zellen kontrolliert, kontrolliert Kosten, Verfügbarkeit und einen großen Teil der technischen Entwicklung.
Oder anders gesagt: Wenn Europa bei Batterien nur noch einkauft, dann wird Europa bei Elektroautos langfristig eher Kunde als Taktgeber.
Die große Idee: Autark bis 2030
Der Plan war ambitioniert. Bis 2030 sollte Europa eine riesige Batterieproduktionskapazität aufbauen, in Größenordnungen, die man in Terawattstunden misst. Das Ziel war klar: weniger Abhängigkeit, mehr Wertschöpfung, mehr Jobs, mehr Kontrolle.
In der Praxis sieht es aktuell so aus, dass ein spürbarer Teil der angekündigten Kapazitäten wackelt. Verzögerungen, Aussetzungen und Streichungen betreffen inzwischen viele Projekte. Und das ist nicht nur ein Betriebsunfall, sondern ein Muster.
Was konkret ins Stocken gerät
Ein paar Beispiele, die gerade besonders laut in den Maschinenhallen scheppern:
ACC, Kaiserslautern und Termoli
Die Automotive Cells Company, kurz ACC, hatte große Werke in Deutschland und Italien im Plan. Diese Vorhaben wurden ausgesetzt. Offiziell heißt es, sie seien nicht endgültig abgesagt, sondern nur geparkt. Nur ist „parken“ im Industriekontext ein Wort, das nach Vernebelung klingt. Ohne konkreten Zeitplan bleibt auf den sehr großen Grundstücken wenig an Fantasie übrig.
Northvolt, Europas Hoffnungsträger mit Bauchlandung
Northvolt galt lange als europäischer Champion. Dann kamen Produktionsprobleme, hohe Ausschussraten, verpasste Termine und am Ende die Insolvenzmeldung. Das ist bitter, weil es genau die Story war, die Europa erzählen wollte: eigene Zellfertigung, eigene Kompetenz, eigene Dynamik.
Weitere Projekte, die nicht mehr so aussehen wie angekündigt
Auch in anderen Ländern gab es Fabrikpläne, die an Finanzierung, Timing oder Marktbedingungen scheiterten. Britishvolt ist ein bekanntes Beispiel aus dem Vereinigten Königreich. Andere Projekte in Italien haben ebenfalls nicht den Start hingelegt, den man sich erhofft hatte.
Warum das passiert: Fünf Gründe, die zusammen ziemlich ungemütlich sind
Es gibt nicht den einen Schuldigen, den man bequem an den Pranger stellen kann. Es ist eher ein Cocktail aus Markt und Struktur, und der ist leider kein schmackhafter Sommerdrink.
1) Die Nachfrage nach E Autos wächst, aber anders als geplant
Europa verkauft viele E Fahrzeuge, aber das Wachstum ist nicht so geradlinig und nicht so schnell, wie manche Business Cases es vorausgesetzt haben. Und wenn die Nachfrage nicht so zieht, wie die Excel Datei es wollte, dann werden Milliardeninvestitionen plötzlich vorsichtiger geplant.
2) China hat Überkapazitäten, und das drückt die Preise brutal
Wenn sehr viel Zellproduktion auf einen Markt trifft, der nicht im selben Tempo wächst, dann fallen die Preise. Teilweise bis nahe an Entstehungskosten. Für Käufer klingt das erstmal gut. Für europäische Neueinsteiger ist es aber ein Preiskampf im Nieselregen, ohne Jacke, auf Dauer also ungemütlich.
3) Europa hat Kostennachteile, die man nicht wegmoderieren kann
Energiepreise, Genehmigungen, Aufbaukosten, Lieferketten. Es gibt Berechnungen, dass Zellen aus europäischer Produktion pro Kilowattstunde deutlich teurer sind als vergleichbare Importe aus China, selbst wenn die Fabriken voll hochgefahren sind. Das ist der Punkt, an dem selbst Optimisten kurz still werden.
4) Die USA locken mit klaren Förderregeln
Der Inflation Reduction Act hat in den USA ein Umfeld geschaffen, das für Hersteller sehr attraktiv ist. Wer investieren will, bekommt dort oft ein klareres Paket aus Förderung, Planungssicherheit und politischem Rückenwind. Europa wirkt daneben manchmal wie ein Flickenteppich, der gerade erst merkt, dass ihm Wind um die Ohren pfeift.
5) Produktion ist harte Realität, kein Imagefilm
Eine Zellfertigung hochzufahren ist extrem anspruchsvoll. Qualität, Ausschuss, Prozesse, Materialreinheit. Wer das unterschätzt, lernt schnell, was Ausschussraten mit einem Geschäftsmodell machen können.
Was das für Preise bedeutet: Erst günstig, dann riskant
Hier wird es interessant, weil es zwei Zeithorizonte gibt, die sich gegenseitig widersprechen.
Kurzfristig, also grob 2026 bis 2028
Durch Überkapazitäten sind Zellpreise global gesunken. Das hilft kurzfristig, weil Batterien günstiger werden können. Und ja, das kann E Autos preislich näher an Verbrenner bringen, zumindest in Teilen.
Aber: Batteriepreise sind nicht nur Weltmarktpreise. In Europa liegen Batteriepackkosten im Schnitt höher als in China, und zwar deutlich. Das ist ein Mix aus Materialkosten, Fertigungskosten, Energie und Skaleneffekten.
Mittelfristig, also Richtung 2030
Wenn Europa große Teile seines Batteriebedarfs importieren muss, wird es abhängig. Abhängigkeit heißt nicht automatisch, dass alles teurer wird. Es heißt nur, dass Europa weniger Kontrolle hat, wenn es knirscht.
Dann reichen geopolitische Spannungen, Exportbeschränkungen oder Lieferengpässe, und plötzlich wird aus einem günstigen Import ein nervöser Engpass. Preisvolatilität ist kein theoretisches Risiko, sondern ein Muster, das wir aus anderen Rohstoffketten gut kennen.
Jobs und Regionen: Transformation mit Hängepartie
Batteriefabriken sollten neue Industriearbeitsplätze bringen, nicht nur direkt in der Produktion, sondern auch bei Zulieferern, Logistik, Anlagenbau und Ausbildung.
Wenn Projekte ausgesetzt werden, passiert Folgendes:
- Planungen frieren ein
- Zulieferer investieren nicht
- Fachkräfte warten nicht ewig, sondern wechseln
- Regionen verlieren Zeit, und Zeit ist in der Transformation das teuerste Gut
Kaiserslautern wäre so ein Transformationsanker gewesen. Termoli sollte den Umbau weg vom Verbrennungsmotor hin zur Batteriewelt schaffen. Und in Nordschweden hängt an der Batterieindustrie mehr als nur ein Werk, nämlich eine ganze regionale Zukunftserzählung.
Lieferketten: Das große Wort Souveränität, ganz praktisch übersetzt
Batterien bestehen nicht nur aus Zellen. Sie bestehen aus Rohstoffen, Vorprodukten, Verarbeitungsschritten, Chemiekompetenz und Maschinenbau. Europa hat bei einigen Teilen starke Industrie. Bei vielen Raffinerie und Vorproduktketten ist Asien, besonders China, dominierend.
Was heißt das in Alltagssprache?
Wenn kritische Materialien knapp werden oder politisch als Hebel genutzt werden, dann kann die komplette europäische Wertschöpfungskette ins Stolpern geraten. Das betrifft nicht nur Autos. Es betrifft auch Energiespeicher, Netze, Industrie, alles.
Dazu kommt ein weiterer Punkt, der gern untergeht: Umwelt und Sozialstandards. Wenn Europa importiert, importiert es oft auch den CO₂ Fußabdruck der Produktion. Und es verliert Kontrolle darüber, wie sauber und wie transparent die Kette wirklich ist.
Chemie Wandel: LFP gegen NMC, und warum das ganze Fabriken umplant
Viele europäische Planungen setzten lange stark auf NMC Chemien, also Nickel, Mangan, Kobalt. Der Markt bewegt sich aber gleichzeitig stärker in Richtung LFP, also Lithium Eisenphosphat, weil es günstiger ist und in vielen Anwendungen völlig ausreichend.
Das klingt nach einer simplen Produktentscheidung. In der Realität kann so ein Chemie Wechsel bedeuten:
- andere Lieferketten
- andere Prozesse
- neue Anlagenkonfiguration
- neue Qualitätsfenster
- neue Partner
Und ja, das kostet Zeit. Und es kostet Geld.
Recycling: Der Hebel, der noch nicht groß genug ist
Recycling ist die europäische Joker Karte. Nicht als romantische Idee, sondern als harte Strategie: Rohstoffe zurückgewinnen, Abhängigkeit senken, CO₂ reduzieren.
Das Problem ist nur: Recycling skaliert erst richtig, wenn genügend Altbatterien in relevanten Mengen zurückkommen. Und dafür braucht es Volumen im Markt und saubere Rücklaufstrukturen. Wenn lokale Produktion schwächelt, kann auch die Kreislaufwirtschaft langsamer hochlaufen, weil die industrielle Masse fehlt.
Zwei Zukunftsbilder: Worst Case und Best Case
Ich habe für euch zwei Szenarien, nicht als Prophetie, sondern als Denkrahmen.
Worst Case: Europa wird Batterie Kunde
Wenn viele Gigafactory Projekte dauerhaft klein bleiben oder verschwinden, wenn China weiter Überkapazitäten hat, wenn die USA ihre Förderung ausbauen und wenn Europa keine wirksame Gegenstrategie schafft, dann droht:
- sehr hohe Importabhängigkeit
- weniger Kontrolle über einen entscheidenden Kostenblock
- weniger Innovation im eigenen Raum
- Abwanderung von Know how und Fachkräften
- mehr Verwundbarkeit bei Handelskonflikten
Und dann wird Elektromobilität in Europa zwar weiter stattfinden, aber die Wertschöpfung fließt stärker ab.
Best Case: Konsolidierung und Neustart
Das bessere Szenario braucht ein paar Dinge gleichzeitig:
- ein europäisches Förderpaket, das planbar und groß genug ist
- fairer Wettbewerb, also handelspolitische Instrumente, wenn Dumping real ist
- Partnerschaften, die Know how in die Fertigung bringen und Ausschuss senken
- Nachfrage, die wieder stärker zieht, auch durch Preisentwicklung und Infrastruktur
- Recycling und Rohstoffpartnerschaften, die nicht nur auf PowerPoint existieren
Dann könnte Europa bis 2030 einen großen Teil des eigenen Bedarfs lokal decken, und zwar mit besserer CO₂ Bilanz und mehr industrieller Stabilität.
Was ihr daraus mitnehmen könnt
Jetzt kommt der Teil, der nicht nach Industriepapier klingt, sondern nach Leben.
1) E Auto Preise können kurzfristig profitieren
Wenn Zellpreise global niedrig bleiben, hilft das tendenziell beim Fahrzeugpreis. Aber es hilft nicht automatisch überall, weil viele Kosten in Europa strukturell höher sind.
2) Lieferzeiten und Modellstrategie bleiben ein Thema
Hersteller schließen langfristige Lieferverträge, planen Plattformen und Chemien neu. Das kann bedeuten, dass Modellvarianten sich ändern, dass Ausstattungen umgebaut werden oder dass bestimmte Versionen später kommen.
3) Gebrauchtmarkt wird wichtiger
Wenn Neuwagenpreise schwanken und die Infrastruktur langsam nachzieht, wird der Gebrauchtmarkt für viele attraktiver. Und dort spielt Batteriezustand, Garantie und Zellchemie eine große Rolle.
4) Auch Schmierstoffe bleiben im Spiel, nur anders
Unser Blog und Schmierstoffe gehören zusammen wie Kaffee und Montag. Und ja, selbst in der Batterie Welt gibt es viele Fluid Themen: Thermomanagement, Kühlmittel, Fette, Lager, Getriebeöle bei E Achsen. Wenn Europa Zellfertigung verliert, verliert es nicht automatisch alle angrenzenden Industrien, aber es verschiebt die Wertschöpfung. Und das merkt man irgendwann auch in Zulieferketten und Preisen.
Was jetzt zu tun ist, ohne dass wir so tun, als hätten wir ein Ministerium
Damit Best Case überhaupt eine Chance hat, braucht es Entscheidungen. Und zwar nicht nur den Satz, dass man das Thema wichtig findet.
Politik
- klare und schnelle Förderstrukturen
- planbare Energiepreise für industrielle Großverbraucher
- schnellere Genehmigungen
- Rohstoffpartnerschaften und Raffineriekapazitäten
- Recyclingquoten, die real umsetzbar sind
Industrie
- weniger Kleinteiligkeit, mehr Konsolidierung
- Qualität hochfahren, Ausschuss runter
- flexibel bleiben bei Zellchemien
- Kreislaufwirtschaft gleich mitdenken, nicht erst am Ende
Investoren
- geduldigeres Kapital, weil Ramp ups Zeit brauchen
- Risiko teilen, auch über öffentliche Partnerschaften
- nicht nur auf den schnellsten Exit schauen
„Europas Batteriepläne bekommen Dellen“, Fazit:
Eine Delle, die mehr ist als nur ein Kratzer
Europa steht bei Batterien an einem Scheideweg. Diese Verzögerungen und Aussetzungen sind nicht nur eine industrielle Unpässlichkeit. Sie sind ein Stresstest für Europas Fähigkeit, eine Schlüsselindustrie aufzubauen, obwohl Energie teuer ist, Märkte hart sind und andere Regionen sehr aktiv fördern.
Gleichzeitig gibt es Chancen: Zellpreise sind gefallen, Technologie entwickelt sich weiter, und das Bewusstsein für Abhängigkeiten ist spürbar gewachsen. Die Frage ist nicht, ob Europa Batterien braucht. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, den Preis für strategische Souveränität zu zahlen.
Oder ob wir in ein paar Jahren sagen: Wir hatten den Plan. Wir hatten die Fläche. Wir hatten die PowerPoints. Und dann haben wir die Zellen doch wieder bestellt, nur diesmal mit weniger Verhandlungsspielraum.
Link zum Artikel: Europas Batteriepläne bekommen Dellen: Was der Stopp von Gigafactories für Preise, Jobs und Lieferketten heißt
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