Freie Werkstatt vs. Vertragswerkstatt

Freie Werkstatt vs. Vertragswerkstatt oder wenn die freie Werkstatt zum Kaleidoskop der Mobilität wird. In Europa ist die Werkstattlandschaft ein vielschichtiges Gebilde.
Mitten im Wandel, gern aber weniger beachtet, steht die freie Werkstatt. Oft kleiner als Vertragswerkstätten, häufig flexibler, aber nicht selten mehr bedroht durch Veränderung.

Schon ein Blick auf die Zahlen zeigt: Der Markt für Fahrzeug­wartung und -reparatur in Europa wächst nur moderat. So lautet einer der aktuellen Befunde, dass das europäische Werkstatt- und Aftermarket-Geschäft 2025 auf rund 272,3 Milliarden Euro geschätzt wird, mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von lediglich etwa 1 % zwischen 2020 und 2025.

Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden, überall spürt man denselben Beat: freie Werkstätten dominieren in Stückzahlen, Vertrags- oder markengebundene Betriebe sind oftmals größere Betriebe und stärker in Herstellernetzwerke eingebunden.

Die aktuelle Struktur, ein grober Umriss

Ein präzises Verhältnis zwischen freien und vertragsgebundenen Werkstätten über ganz Europa liegt kaum belastbar vor. Dennoch lässt sich sagen: Freie Werkstätten stellen die Mehrheit der Betriebe. In Deutschland etwa wird geschätzt, dass freie Werkstätten rund zwei Drittel aller Betriebe ausmachen, während Vertragswerkstätten etwa ein Drittel darstellen.

Warum verschwinden kleine freie Werkstätten?

Das Bild wirkt heute leicht romantisch, die kleine Werkstatt mit Schraubenschlüssel, Kundennamen im Kopf und Treue im Herzen. Doch die Realität ist härter. Ich habe fünf zentrale Gründe zusammengetragen, die vielen kleinen freien Werkstätten das Leben schwer machen:

  1. Finanzielle Belastungen
    Höhere Kosten, erschwerte Finanzierung, insbesondere durch steigende Zinsen und wachsende Fixkosten, setzen viele kleinere Betriebe unter Druck. Investitionen in Diagnoseequipment, Elektro-Fahrzeuge oder Digitalisierung kosten bares Geld.
  2. Fachkräftemangel und demografische Entwicklung
    Der Nachwuchs fehlt, Expert:innen gehen in Rente, und oft gibt es keinen Nachfolger, gerade in ländlichen Regionen. Eine Werkstatt, die nur auf „wir machen weiter wie früher“ setzt, gerät schnell ins Hintertreffen.
  3. Digitalisierung, Elektrifizierung und Datenzugang
    Die technische Entwicklung schreitet voran: Elektromobilität, vernetzte Fahrzeuge, digitale Diagnose-Systeme. Zugleich kontrollieren Hersteller den Zugang zu fahrzeugspezifischen Daten und Software stärker. Freie Werkstätten haben hier einen Nachteil.
  4. Marktstrukturwandel und Konsolidierung
    Größere Netzwerke, markengebundene Ketten, Werkstattkonzepte, sie wachsen, übernehmen Betriebe oder verdrängen kleinere Anbieter durch Skaleneffekte und starke Markenbindung. Freie Werkstätten geraten zunehmend unter Wettbewerbsdruck.
  5. Eigentümerwechsel und fehlende Nachfolge
    Wenn Senior‐Inhaber in den Ruhestand gehen und kein Nachfolger übernimmt, bleibt oft nur noch die Schließung oder ein Verkauf. Doch für einen echten Neuanfang reicht das Kapital oft nicht mehr.

Wohin geht die Reise? Zukunftsperspektiven

Auch wenn die Zukunft ungemütlich erscheinen mag, steckt in ihr auch eine Portion Hoffnung. Vor allem für jene, die Veränderung annehmen statt ihr hinterherzulaufen. Hier die Fakten und Chancen:

  • Marktrückgang & Konsolidierung
    Studien sehen einen Rückgang bei freien Werkstätten bis 2030 um bis zu 20 % und langfristig bis 2040 gar Rückgänge bis zu 40 %. Das betrifft Beschäftigung und Gesamtstruktur.
  • Technologische Herausforderung – aber auch Chance
    Wer sich früh mit Elektromobilität, hybriden Systemen, digitalen Diensten auseinandersetzt, kann neue Geschäftsfelder eröffnen. Der Zugang zu Daten ist/wird ein Schlüssel.
  • Neuorientierung über Kooperationen & Spezialisierung
    Freie Werkstätten, die sich spezialisieren, etwa auf bestimmte Marken, Oldtimer, E-Mobility oder Kundenbindung, haben gute Chancen. Netzwerke und Werkstattkonzepte können Anknüpfungspunkte bieten.
  • Nachhaltigkeit & Servicequalität als Differenzierung
    Umweltfreundliches Arbeiten, sinnvolle Zusatzdienste, echte Kundenbeziehungen, das kann zum Wettbewerbsvorteil werden, gerade wenn technische Standards allein nicht mehr genügen.

Freie Werkstatt vs. Vertragswerkstatt, Fazit

Die freie Werkstattbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Kleinere Betriebe stehen unter Druck, aber sie sind nicht zum Aussterben verurteilt. Im Gegenteil: Wer mit klarem Blick reagiert, kooperiert, investiert und sich auf seine Stärken besinnt, kann in diesem Wandel sogar gestärkt hervorgehen. Vielleicht nicht als Generalist, aber als Spezialist mit Charakter.


Landes-Kennzahlen

  • In Deutschland wurden für das Jahr 2023 Angaben gemacht, dass knapp 40.000 unabhängige Werkstätten den Bereich „Maintenance & Repair of Cars and LCV“ bedienen. wolk-aftersales.com
  • Laut einer Studie von Roland Berger GmbH zur europäischen Aftermarket-Branche entfallen im europäischen Automobil-Aftermarket 62 % der verkauften Teile (ohne Arbeitslohn) auf den unabhängigen Markt („independent automotive aftermarket“). content.rolandberger.com
  • Der deutsche Markt für „Motor Vehicle Maintenance & Repair“ umfasst laut IBISWorld im Jahr 2025 etwa 50.006 Unternehmen. IBISWorld

(Hinweis: Genaue Zahlen für „freie vs. vertragsgebundene Werkstätten“ auf Landes- oder Europa-Ebene sind teilweise nicht öffentlich differenziert verfügbar.)

Weitere Infos:

Freie Werkstatt oder Vertragswerkstatt? – So wird’s im Ausland gesehen

Kosten für eine Reparaturstunde in Europa

Pro Kopf Kilometer in Europa im Vergleich, Auto vs. Bahn vs. Flugzeug

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