Al Capones Cadillac, oder wie man Luxus in eine rollende Festung verwandelt

Manchmal stolpert man im Netz über Autos, die nicht einfach “Oldtimer” sind, sondern Zeitkapseln. Manchmal tragen diese Zeitkapseln eine Geschichte in sich, die nach Zigarrenrauch, Angstschweiß und Chicagoer Winterluft riecht. Ich schreibe heute über genau so ein Ding.
Es geht um einen Cadillac 341A “Town Car” von 1928, zweifarbig grün und schwarz, mit der Fahrgestell und Motornummer 306449. Und ja, der Name, der an diesem Auto klebt, ist so groß wie sein Schatten: Alphonse “Al” Capone, von Freunden wohl “Snorky” genannt. Viel Spaß bei „Al Capones Cadillac“!


Vorab: Damit wir uns nicht mit fremden Federn schmücken, ganz sauber vorweg: Die große Spurensuche, die ich hier als Grundlage nutze, stammt aus zwei Richtungen. Einmal von Dr. Ken German (Scotland Yard, Fahrzeugkriminalität, Autor, Berater), der das Ganze wie einen “Cold Case” aufrollt. Und dann aus dem Material eines Verkäufers, der die Historie, Zeitungsfunde und Aussagen von Nachfahren und einem Augenzeugen zusammengetragen hat. Beide Quellen verlinke ich euch unten, damit ihr den Weg der Krümel selbst nachgehen könnt.

Hinweise eigener Sache, wenn ihr eine Broschüre zu einem Cadillac sucht, seid ihr hier richtig:
Cadillac – Die amerikanische Marke, die Luxus neu definierte


1931, Steuerhinterziehung und ein Auto, das man lieber nicht übersehen sollte

Capone wurde 1931 wegen Steuerhinterziehung verhaftet, 1932 verurteilt, und danach ging es für ihn in Bundesgefängnisse, erst Atlanta, später Alcatraz. Während die Behörden also seine Finanzen auf links drehten, stand irgendwo ein Auto, das man in einer perfekten Welt nie “übersehen” hätte.

Denn dieses Fahrzeug war nicht einfach nur “luxuriös”. Es war luxuriös und gebaut wie eine mobile Ansage. Eine Statement an alles und jeden!

Der Cadillac war schwer, etwa 3 ½ Tonnen, und er hatte einen V8 mit 341 cubic inch und 90 PS. Laut den zusammengetragenen Daten sollte er damit bis zu 110 mph schaffen. Technisch klingt das heute nicht nach Science-Fiction, aber 1928 war das eine klare Ansage, besonders wenn man bedenkt, was zusätzlich an Bord war.


Das Rezept für eine Gangster Limousine lautet Luxus plus Panzerung

Wenn ihr euch fragt, wie man aus einer feinen Limousine eine fahrende Festung macht, dann kommt hier die Einkaufsliste aus den Quellen, und die liest sich wie ein Katalog für Paranoia auf Rädern.

  • Stahlpanzerung in den Türen, genannt werden ¼ Zoll
  • Dazu eine Innenauskleidung, die in den Quellen mit Asbest beschrieben wird
  • Seitenfenster, die federunterstützt waren, damit man das schwere Glas überhaupt bewegen konnte
  • Verbundglas, fünf Schichten, insgesamt etwa 1 Zoll dick
  • Und dann diese “Belüftungslöcher”, rund, scheinbar harmlos, praktisch groß genug, dass man da mehr als nur frische Luft durchblasen konnte
  • Außerdem, natürlich, eine herunterklappbare Heckscheibe, damit die Leute hinten nicht nur sitzen und hoffen mussten, sondern im Fall der Fälle freie Bahn hatten

Spätestens da ist der Punkt erreicht, an dem man merkt, dass dieses Auto nicht für Opernfahrten gebaut wurde, sondern für eine Welt, in der “Verfolger” kein Begriff aus einem fiktionalen Krimi war, sondern Teil des Lebens und der Arbeit war.

Tja, dann kommt das optische Detail, das fast schon bitter komisch ist: Das Auto war grün und schwarz lackiert, also in Farben, die an damalige Polizeifahrzeuge in Chicago erinnerten. Dazu wird von Sirene und einem versteckten Polizeifunkgerät berichtet, wobei eine Quelle anmerkt, dass Polizeifunk in Chicago erst Ende 1928 überhaupt verbreitet in den Streifenwagen auftauchte. Das heißt, selbst die technische Tarnung hatte ihren eigenen Zeitstempel.


Ist das wirklich Capones Auto, oder nur eine gute Story mit Chromkante

Bei solchen Geschichten ist die wichtigste Frage immer dieselbe: Ist das echt, oder ist es nur gut erzählt?

Hier wird es spannend, weil die Quellen nicht nur auf Hörensagen setzen. Ein zentraler Baustein ist ein Mann namens Richard “Cappy” Capstran, der als sehr alter Zeitzeuge beschrieben wird. Er erinnert sich daran, wie er als Junge seinem Vater Ernest Capstran in einer Karosseriewerkstatt in Chicago half, Teile der Panzerung anzubringen. In der Verkäuferdokumentation wird das sehr detailliert geschildert, inklusive der Aussage, dass Capones Leute das Auto rückwärts in die Werkstatt fahren ließen, damit niemand auf der Straße sieht, was da passiert.

Und dann diese kleine Szene, die so filmisch wirkt, dass man sie misstrauisch beäugt, und gerade deshalb hängen bleibt: Capone soll persönlich gekommen sein, die Rechnung bezahlt haben, und sogar mehr als gefordert. Dem kleinen Richard soll er außerdem einen 10 Dollar Schein gegeben haben, ein Vermögen für einen Zehnjährigen, wenn man der Erinnerung glaubt.

Das Entscheidende ist aber nicht nur die Anekdote, sondern dass Capstran das Auto Jahrzehnte später in einer Sammlung wieder gesehen haben will, und dann gesagt haben soll: Das ist genau dieses Auto.

Das ist keine gerichtsfeste DNA Probe, aber es ist mehr als “mein Onkel hat erzählt”.


Der Händler, der überall auftaucht, heißt Emil Denemark

Wenn man die Besitzgeschichte nachzeichnet, steht da eine Figur wie ein Wegweiser im Nebel: Emil Denemark, Cadillac Händler im Süden Chicagos, politisch vernetzt, und laut den Quellen auch tief in der Unterwelt verankert, bis hin zu späteren Ermittlungsdokumenten, in denen sein Name im Umfeld organisierter Kriminalität auftaucht.

In den Artikeln und Zusammenstellungen wird auch beschrieben, dass Denemark Capone weitere Cadillac Modelle, darunter V16 Wagen, auf Kredit verkauft haben soll. Und dann kommt diese Zeitungsnummer, die wie eine kleine Bombe in die Historie fällt.

Ein Artikel im Milwaukee Sentinel vom 22.12.1931 berichtet, dass einer von Capones V16 Cadillacs genutzt worden sei, um den Gefängnisdirektor David Moneypenny vom Cook County Jail zu chauffieren. Das wurde zurückgewiesen, und Denemark erklärte wohl, die Wagen seien wegen Nichtzahlung zurückgenommen worden. Gleichzeitig wird in den Unterlagen erwähnt, dass Kennzeichen angeblich noch auf Mae Capone liefen, was eine zweite Spur aufmacht.

Ob das nun eine peinliche Panne war, oder ein bewusstes Spiel mit Macht und Image, das bleibt Interpretation. Die Quellen deuten aber klar an, dass Denemark eher der Mann für die Hintertüren war, nicht für den Showroom.


Wie Capones Cadillac verschwand, und dann doch wieder auftauchte

Der Cadillac 341A soll vor den Behörden in einer Garage in Chicago versteckt worden sein. Er wurde dann 1932 von Patrick Moore gekauft, angeblich über einen Makler, vermutlich ebenfalls aus diesem Chicago Umfeld. Eine Nachfahrin, Pat Denning, Tochter der Moores, bestätigt später in den Unterlagen, dass man damals “wusste”, dass das Auto zuvor Capone gehört hatte.

Die Moores sollen das Auto im Zirkus, beziehungsweise in einer Wanderkarneval Show, als Attraktion nutzen wollen. Und genau das ist eine schöne Ironie der Geschichte: Ein Gangster Schutzbunker auf Rädern, der plötzlich im Jahrmarktlicht steht, zwischen Zuckerwatte und Blechmusik.

1939 wollte die US Regierung laut den Quellen eingreifen, weil man nicht wollte, dass die Ausstellung als Werbung für amerikanisches Gangstertum wirkt. Ob das aus moralischen Gründen geschah, oder weil man ungern Erinnerungsstücke an eine blutige Ära poliert sehen wollte, das lassen die Dokumente offen. Aber die Bitte soll bis nach Großbritannien gegangen sein.


England, Vergnügungsparks, Auktionen, Restaurierungen und die Frage nach dem “illegalen Panzerwagen”

Nach Stationen in den USA wurde das Auto nach England verschifft, und es sollte in Vergnügungsparks gezeigt werden, genannt werden Southend on Sea Kursaal und später Blackpool. Dazu gibt es sogar Bildmaterial, das über das British Pathé Archiv in einem Pinterest Link verknüpft ist.

1958 ging das Auto für 510 Dollar an Tony Stuart. Und dann kommt diese kuriose Wendung. Er stellte laut Quellen fest, dass es in den USA seit 1929 illegal gewesen sei, ein gepanzertes Fahrzeug zu besitzen. Deshalb verkaufte er es weiter nach Kanada an Harley Nielson, der es restaurierte. Dabei soll ein Großteil der schweren Panzerung entfernt worden sein, während kugelsicheres Glas und die klappbare Heckscheibe erhalten blieben.

Später landete der Cadillac in Museen und Sammlungen, ging über Auktionen, und tauchte 2006 in der O’Quinn Sammlung auf. In den Daten stehen außerdem prominente Zahlen: 2006 621.500 Dollar, 2013 bei Sotheby’s 355.000 Dollar, und 2020 ein Versuch mit einer Erwartung von 1.000.000 Dollar, der offenbar nicht erreicht wurde.


Warum dieses Auto mehr ist als ein Gangster Souvenir

Wenn man alles zusammennimmt, dann ist dieser Cadillac nicht nur ein Capone Artefakt. Er ist auch ein frühes Beispiel dafür, wie schnell Technik und Gewalt einander finden, wenn genug Geld, genug Angst und genug Macht im Raum sind.

Und er ist ein Stück Mediengeschichte, weil er zwischen Schlagzeilen, Jahrmarkt, moralischer Debatte und Sammlerwelt hin und her geschoben wurde. Erst als Werkzeug, dann als Symbol, dann als Mahnmal, und schließlich als begehrtes Objekt.

Ich finde, man darf das faszinierend finden, ohne Capone zu romantisieren. Dieses Auto ist glänzend, aber Vorsicht, es glänzt wie eine Rasierklinge.

Quellen und Links

Hier sind die Quellen, auf die ich mich im Text beziehe, damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt:

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