Die seltsame Geschichte von JFKs recyceltem Todesauto

Es gibt Autos, die sind einfach nur Autos. Es gibt Autos, die werden zu Zeitzeugen. Einfach weil Geschichte in ihnen passiert und weil man sie später nicht mehr nur fährt, sondern betrachtet.
Al Capones Cadillac, das original „Bonnie und Clyde-Auto“ und die Lincoln Limousine, die der Secret Service als X 100 führte, gehören in diese zweite Kategorie.
Mit einer Wucht, die man kaum wegmoderieren kann, trotzdem hat man genau das versucht.
Viel Spaß bei „Die seltsame Geschichte von JFKs recyceltem Todesauto“:

Während viele Menschen das Attentat vom 22. November 1963 als eine Art Endpunkt sehen, begann für dieses Fahrzeug danach erst die wirklich seltsame Phase. Nicht als Reliquie hinter Glas, sondern als Arbeitsgerät. Repariert, verstärkt, umgebaut, erneut eingesetzt. Von Präsidenten genutzt, die den Tag von Dallas teils aus nächster Nähe erlebten.
Am Ende, erst viel später, dann doch im Museum geparkt, als hätte man irgendwann gemerkt, dass man einen bösen Geist nicht dauerhaft im Fuhrpark haben sollte.

Ich habe für euch recherchiert, wie dieses Auto gebaut wurde, was nach den Schüssen geschah, warum man es nicht ausmusterte.
Welche Umbauten es bekam und wie es schließlich in der Sammlung von The Henry Ford in Dearborn landete.


Washington, 5. Oktober 1964, 25 Minuten, die niemand brauchte

Stellt euch die Innenstadt von Washington vor, mittags, Parade, Protokoll, Fahnen, Lächeln. Dieses typische Staatsbesuch Gefühl, bei dem alles geschniegelt wirkt, obwohl es im Hintergrund immer nach Kabeln, Funk und Stress riecht.

Präsident Lyndon B. Johnson sitzt neben dem philippinischen Staatschef Diosdado Macapagal. Sie fahren eine kurze Runde. Ungefähr 25 Minuten, nichts Weltbewegendes. Doch ist es eine dieser Szenen, die im Rückspiegel der Geschichte plötzlich absurd aussehen.

Denn das Auto ist kein beliebiges Auto.

Es ist die Limousine, in der knapp ein Jahr zuvor John F. Kennedy in Dallas tödlich getroffen wurde.

Allein dieser Umstand wirft Fragen auf, und zwar nicht nur moralische. Auch ganz praktische. Wer trifft so eine Entscheidung, sagt: Ja, genau dieses Fahrzeug, das nehmen wir wieder. Wer findet das klug und vor allem: Warum.

Die Antwort ist, wie so oft, nicht romantisch oder respektvoll. Sie ist organisatorisch, sie riecht nach Aktenordner.


Warum man X 100 überhaupt gebaut hat

Bevor dieses Auto zum Symbol wurde, war es erstmal nur eine Bestellung.

Der Secret Service wollte die alte Flotte modernisieren. Zuvor nutzten US Präsidenten unter anderem stark modifizierte Lincoln Modelle aus den 1950ern.
Die hatte man damals für Zylinder und Kopfbedeckungen der Zeit angepasst. Also suchte man ein neues Fahrzeug, das bei Paraden funktioniert. Eines das zugleich die Präsenz des Präsidenten betont, weil Sichtbarkeit damals als politisches Werkzeug galt.

Das Basisfahrzeug war ein Lincoln Continental, Modelljahr 1961. Ein viertüriges Cabriolet, das im Januar 1961 im Ford Werk in Wixom, Michigan gebaut wurde. Danach ging es nicht direkt ins Weiße Haus, sondern zu den Karosserie Spezialisten von Hess & Eisenhardt in Cincinnati, Ohio.

Und dort passierte etwas, das man sich bildlich vorstellen muss, weil es die ganze Idee dieses Wagens erklärt: Man hat ihn buchstäblich durchgeschnitten und verlängert. Etwa 106 cm (3,5 Fuß) kamen in der Mitte dazu. Aus einem Serienfahrzeug wurde eine maßgeschneiderte Präsidentenkarre.

Im Juni 1961 stand die Limousine dann beim Weißen Haus und sie war in den Details so speziell, dass sie fast schon wie ein rollendes Projekt wirkte.


Ein Auto wie eine Bühne, mit Technik unter dem Teppich

X 100 war darauf ausgelegt, den Präsidenten sichtbar zu machen und zugleich den Ablauf kontrollierbar zu halten.

Dazu gehörten unter anderem:

• ein hydraulisch anhebbarer Rücksitz, damit der Präsident höher sitzt, ungefähr 10,5 bis 11 Zoll
• Funktelefone und Kommunikations Technik, die damals für ein Auto extrem war
• Innenraum Flutlichter, beleuchtete Fahnenmasten an den Kotflügeln, Sirene und Warnlichter
• ausziehbare Trittstufen und Haltemöglichkeiten für Secret Service Agenten, die nebenher laufen oder aufspringen müssen
• zusätzliche Notsitze, weil Protokoll selten bei vier Personen endet
• sehr auffällige Innenausstattung, mit Präsidentenwappen in Türtaschen und einem Fond, der eher Salon als Rückbank war

Und dann gab es das Merkmal, das später wie eine bitter ironische Fußnote wirkt: die drei abnehmbaren Dächer.

Ein Stoffverdeck, ein leichtes Metalldach und ein transparentes Kunststoffdach, oft als Bubble Top bezeichnet. Alles modular, alles kombinierbar und alles dafür gedacht, dass der Präsident gesehen wird. Weil das Publikum ihn sehen will und weil Politik damals auch Nähe zeigen musste.

Das Problem war nur: Sichtbarkeit ist keine Panzerung und Kunststoff ist nicht kugelsicher.


Dallas, 22. November 1963: Wenn ein Fahrzeug zum Tatort wird

Über das Attentat selbst ist so viel geschrieben worden, dass ich hier nicht den hundertsten Zeitstrahl nacherzähle. Was für unsere Geschichte wichtig ist, das Auto wurde nach den Schüssen nicht einfach abgestellt, sondern es wurde zum Beweisstück, zum Tatort auf Rädern.

Es fuhr nach den Treffern mit hoher Geschwindigkeit zum Parkland Hospital. Danach wurde es bewacht, abgeschirmt, abgedeckt und später nach Washington zurückgebracht, wo es in der Garage des Weißen Hauses stand, unter Kontrolle, unter Beobachtung und unter dem Druck, dass jede Faser, jedes Splitterchen, jedes Detail zählen könnte.

Die Windschutzscheibe, die von einer Kugel getroffen wurde, wurde entfernt und als Beweisstück geführt und auch weitere Spuren wurden gesichert. Es ist überliefert, dass medizinische Teams später sogar Gewebe und Knochenteile aus dem Wagen entfernten, weil das Auto buchstäblich mit in das Geschehen verwoben war.

Wenn man an dieser Stelle denkt, das Auto wäre danach in eine Halle gefahren worden, um dort als stumme Erinnerung zu bleiben, dann denkt man sicherlich „menschlich“.

Aber die Entscheidung, die folgte, war eine andere.


Der Moment, in dem es richtig seltsam wird: Man beschließt, weiterzufahren

Nach Abschluss der unmittelbaren Ermittlungen stand eine Frage im Raum, die man heute kaum glauben mag: Neues Auto bestellen oder dieses Auto umbauen.

Und man entschied sich für Umbau.

Der Grund, so nüchtern wie möglich: Zeit und Geld. Eine neue Präsidentenlimousine zu entwickeln dauert und kostet. Also nahm man den vorhandenen Wagen und machte aus dem Parade Cabrio eine rollende Festung, so gut es damals ging.

Die Überarbeitung bekam interne Namen, einer davon bleibt hängen: Projekt D 2. Teilweise auch als Quick Fix bezeichnet, was angesichts des Kontexts fast schon zynisch klingt, obwohl es wohl nur Büro Sprache war.

Ein Ausschuss, in dem Vertreter des Secret Service, von Hess & Eisenhardt, der Pittsburgh Plate Glass Company und des Army Materials Research Center saßen, legte fest, was passieren sollte.

Und dann wurde geschraubt, geschweißt, verstärkt, ersetzt.


Projekt D 2: 80 Prozent neu und plötzlich 726 Kilo (1.600 Pfund) schwerer

Die Zahlen lesen sich wie ein Umbau, bei dem am Ende nichts fehlen sollte.

Berichten zufolge wurden bei der Überholung rund 80 Prozent des Fahrzeugs ersetzt. Es kamen etwa 726 Kilo Metall und weitere Materialien hinzu. Der hintere Fahrgastraum wurde vollständig gepanzert. Die Scheiben wurden durch Spezialglas ersetzt, das einem direkten Treffer aus einem 30 Kaliber Gewehr standhalten sollte.

Das auffälligste neue Element war ein festes, kugelsicheres Hardtop, oft als eine Art Greenhouse beschrieben, also ein festes Dachsystem aus Metall und Glas, das die offene Bühne von früher beendete.

Dazu kam eine massive Heckscheibe aus gebogenem, kugelsicherem Glas, die zeitweise als das größte gebogene Stück dieser Art galt. Außerdem montierte man große Griffe am Heck, damit Agenten leichter aufspringen können. Runflat Reifen kamen dazu und auch mechanische Komponenten mussten verstärkt werden, weil Gewicht nicht nur bremst, sondern auch Fahrwerk, Scharniere und Struktur zerlegt, wenn man einfach so täte, als wäre es noch ein Serienwagen.

Sogar der Motor wurde, in späteren Beschreibungen, als stärker erwähnt, teilweise mit einem handgefertigten Hochkompressionsmotor, der spürbar mehr Leistung liefern sollte, weil so ein Koloss nicht von allein dynamisch wird.

Und dann gab es noch einen Punkt, der klingt banal, aber im Präsidenten Alltag in so einer Karre auch noch wichtig ist: Klimatisierung.
Eine zusätzliche Anlage im Kofferraum, mehr Gebläse, mehr Regelung, weil ein gepanzerter Glaskasten sonst zur rollenden Sauna wird.


Projekt R 2 und die Jahre danach: Mehr Umbauten, mehr Politik, weniger Gefühl

1967 kam eine zweite große Überarbeitung, häufig als Projekt R 2 bezeichnet. Es ging um bessere Kühlleistung, um strukturelle Verstärkungen und um Details, die zeigen, dass dieses Auto nie wieder nur Fahrzeug war, sondern immer auch Schutzsystem.

Dazu gehörte unter anderem der Umbau der rechten hinteren Tür, damit ein Fenster nicht nur fest ist, sondern elektrisch bewegt werden kann. Außerdem wurde die Karosserie bis aufs blanke Metall abgezogen, Beulen wurden beseitigt und es wurde neu lackiert.

Und ja, auch hier wird es wieder menschlich merkwürdig: Lyndon B. Johnson mochte die ursprüngliche blaue Farbe offenbar nicht, also wurde der Wagen später schwarz. Es ist ein Detail, aber es zeigt, wie schnell Symbolik in Alltag übergeht. Ein Auto, das als Trauma begann, wird wieder zum Objekt persönlicher Vorlieben, weil das System weiterlaufen muss und weil Präsidenten keine Zeit haben, jeden Schatten zu diskutieren.

Aus dieser Phase stammt auch die Anekdote, dass Johnson einmal so unbeschwert auf das Fahrzeug sprang, dass ein Bauteil im hinteren Bereich nachgab und dass danach strukturelle Verstärkungen nötig wurden. Ob man das nun als Ironie liest oder als Hinweis darauf, wie sehr Technik und Politik manchmal aneinander vorbei funktionieren, bleibt euch überlassen.

Später verlangte Richard Nixon weitere Änderungen. Unter anderem wurde das Dach wieder so gestaltet, dass der Präsident bei Paraden stehen und winken kann, mit einer Klappöffnung im Glas, weil die Notwendigkeit der Sichtbarkeit eben doch nie ganz verschwindet, auch wenn sie zuvor tödlich teuer war.

Insgesamt blieb X 100 noch erstaunlich lange im Dienst und er wurde in Teilen von mehreren Präsidenten genutzt, bis er Anfang 1977 offiziell ausgemustert wurde. Als letzter Präsident, der das Fahrzeug nutzte, wird häufig Jimmy Carter genannt.


Die Endstation: Museum, aber nicht als Dallas Moment, sondern als fertiger Umbau

Als der Wagen aus dem Dienst ging, wurde der Leasingvertrag beendet, denn auch das ist eine dieser schrägen Fakten: Das Auto blieb lange Zeit Eigentum der Ford Motor Company und wurde vom Secret Service für einen symbolischen Betrag von 500 Dollar pro Jahr geleast, zumindest in der Grundkonstruktion.

Nach der Ausmusterung landete er schließlich in der Sammlung von The Henry Ford in Dearborn, Michigan, also dort, wo amerikanische Technik, Mythos und Industriegeschichte zusammen ausgestellt werden.

Und wichtig: Das Auto steht dort nicht als offenes Cabrio aus Dallas, sondern in dem Zustand, den es nach den Umbauten hatte. Das ist fast schon eine zweite Erzählung. Nicht der Tatort, sondern die Antwort des Systems auf den Tatort.

Wenn ihr heute vor diesem Wagen steht, dann seht ihr nicht nur das, was war, sondern auch das, was man daraus gemacht hat. Ein Präsidentenfahrzeug, das beweist, wie sehr eine Nation versucht, nach einem Schock wieder funktional zu werden und wie seltsam das aussehen kann, wenn Funktion über Gefühl siegt.


Die seltsame Geschichte von JFKs recyceltem Todesauto oder was diese Geschichte im Kern so verstörend macht

Es ist nicht nur der Mord, nicht nur die Prominenz und auch nicht nur der Mythos.

Es ist die Entscheidung, weiterzufahren.

Der Secret Service und die Verantwortlichen standen damals zwischen Symbolik, Logistik, Budget. Außerdem der Frage, wie man Sicherheit neu denkt, wenn man gerade erlebt hat, dass die alte Idee nicht so richtig gut funktioniert hat. Sie wählten den Weg, der schnell und kontrollierbar wirkte: Umbauen statt verabschieden.

Und daraus entstand ein Objekt, das beides gleichzeitig ist: historische Wunde und technischer Neubeginn.

Denn ja, aus Kennedys Limousine entwickelte sich indirekt ein neues Sicherheitsdenken. Spätere Präsidentenfahrzeuge wurden schwerer, gepanzerter, abgeschotteter. Die heutige Limousine, die oft als The Beast bezeichnet wird, ist eher ein rollender Bunker als eine Parade Bühne. Mit versiegelter Kabine und unabhängiger Luftversorgung. Mit Sicherheitslogik, die nicht mehr auf Nähe setzt, sondern auf Distanz.

Aber X 100 bleibt der Übergang. Der Moment, in dem man aus einem Cabrio eine Festung macht und dabei hofft, dass die Welt vergisst, was dieses Auto einmal war.

Sie hat es nicht vergessen.

Link zum Text: Die seltsame Geschichte von JFKs recyceltem Todesauto

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