Energiekosten: Wer eine Pizza bestellt, bekommt eine Pizza. Worüber regt ihr euch auf?

Eigentlich sitze ich sonst am Schreibtisch und schreibe Texte für Kunden. Saubere Botschaften, klare Argumente, möglichst so, dass niemand stolpert und alle am Ende nicken. Kundenkommunikation eben. Jetzt einmal kurz den Stift absetzen, tief durchatmen und meinen Frust loswerden. Wenn man sich heute ernsthaft wundert, dass Nahost Stress sofort auf Öl, Gas und Tankpreise durchschlägt, dann ist das nicht Pech. Dann ist es Ignoranz mit Ansage. Und genau da fängt mein Text an. Heute also mal ein Besuch in der Küche des Grauens: „Energiekosten: Wer eine Pizza bestellt, bekommt eine Pizza. Worüber regt ihr euch auf?“

Die Nahost Krise lässt die Preise nach oben schnellen. „Überraschung“.

Wer sich über teurere Energie wundert, hat vergessen, was bei CDU und CSU sowie SPD bestellt wurde. Fossile Freiheit angeblich zum Wohle der deutschen Wirtschaft und der Bevölkerung.
Mehr Fossiles hieß immer und heißt auch heute mehr Preisschocks. Das ist kein Zufall. Das ist die Pizza, die aus dem Ofen der Hölle kommt.

Natürlich beeinflusst die Nahost Eskalation die Märkte. Wenn am Gasmarkt plötzlich Risikoprämien aufpoppen und der TTF innerhalb kürzester Zeit von knapp 48 Euro pro MWh bis in Regionen über 60 Euro springt, dann ist das kein deutsches Gefühlsthema, sondern ein Preissignal.

Aber genau hier beginnt die scheinheilige Diskussion. Denn parallel dazu wird so getan, als wäre der Kurswechsel in Berlin ein Betriebsunfall. Ist er nicht. Er ist die bestellte Pizza. Und jetzt steht sie dampfend auf dem Tisch.

Ich formuliere euch das so deutlich, weil die aktuelle Empörung wirkt, als wäre plötzlich das falsche Gericht auf dem Tisch gelandet. Dabei wurde genau dieser Kurswechsel jahrelang gefordert. Energiepolitik ist kein Lieferdienst, der kurz anruft und fragt, ob ihr euch wirklich sicher seid. Wenn entschieden ist, wird geliefert und zwar inklusive aller Nebenwirkungen.


Energiekosten und warum Nahost sofort auf eure Preise durchschlägt

Öl und Gas sind Weltmarktware. Wenn in einer Region, die für Transportwege, Produktion und Risikoerwartungen zentral ist, die Lage kippt, dann reagieren Händler, Versicherer, Reeder, Terminmärkte. Und am Ende merkt ihr das in Europa über höhere Beschaffungskosten, über nervöse Speicherbefüllung und über gestiegene Risikoaufschläge.

Das ist die ehrliche Seite der Geschichte: Krisen machen Fossiles teuer. Immer wieder.

Die unehrliche Seite ist: Gleichzeitig wird politisch so getan, als könne man Fossiles als Sicherheitsdecke behalten, aber bitte ohne die typische Nebenwirkung „Preisschock“.

Wer fossile Abhängigkeiten bestellt, bekommt fossile Volatilität geliefert. Nicht immer sofort, aber zuverlässig.


Von Turbo zu Bremse, was die Ampel mit starken Grünen Anteilen gemacht hat

Die letzte Amtsperiode war kein Märchenwald. Netze waren knapp, Prozesse waren zäh und Kommunikation war oft wirklich unglücklich. Trotzdem gab es echte Richtungsentscheidungen, die man nicht wegreden kann.

1) Ausbau und Priorisierung der Erneuerbaren

Im EEG Kontext wurden Wind und Solar politisch und rechtlich hochgestuft, inklusive der Logik, dass der Ausbau im „überragenden öffentlichen Interesse“ liegt. Dazu kamen deutlich ambitioniertere Ziele für den Strommix bis 2030.

2) Strompreis Entlastung über die EEG Umlage

Die EEG Umlage wurde auf null gesetzt und später faktisch abgeschafft, um den Strompreis zu entlasten und das System anders zu finanzieren.

3) Wärme und Gebäude, das umkämpfte GEG

Das Gebäudeenergiegesetz sollte den Wärmemarkt schneller drehen. Nicht perfekt, aber klar in Richtung weniger Fossil im Keller.

Und dann kam die gesellschaftliche Debatte, die weniger nach Ingenieursbüro klang und mehr nach Kulturkampf. Das Ergebnis kennen wir: Viele wollten „Stopp“, „Rückbau“, „Entschärfung“.


Und jetzt kommt CDU, CSU und SPD, die bestellte Pizza mit extra Energiekosten-Riskiko im Koalitionsvertrag

Hier wird es konkret, weil es nicht um Stimmung geht, sondern um den Text in der Speisekarte. Im Koalitionsvertrag steht sehr deutlich, dass das Heizungsgesetz abgeschafft werden soll und das neue GEG technologieoffener, flexibler und einfacher werden soll.

Außerdem steht dort die Kraftwerksstrategie mit bis zu 20 GW Gaskraftwerksleistung bis 2030, technologieoffen ausgeschrieben, plus Kapazitätsmechanismus. Sogar die Idee, Reservekraftwerke auch zur Stabilisierung des Strompreises einzusetzen.

Das ist kein Geheimnis. Das ist die Bestellung.


Der große Unterschied, Grüne Logik versus CDU, CSU, SPD Logik

Damit das verständlich bleibt, hier als klare Gegenüberstellung.

A) Grundprinzip

  • Ampel mit starken Grünen Anteilen: Risiko minimieren und durch raus aus Fossil, Tempo rein in Erneuerbare, damit Krisen weniger durchschlagen.
  • CDU, CSU, SPD: Risiko management, Kostenbremsen, Versorgungssicherheit über steuerbare Leistung, mehr Spielraum, weniger Zwang.

Beides kann man politisch wollen. Aber man kann nicht so tun, als wäre das Ergebnis überraschend.

B) Netze und Ausbau, das Netzpaket als Hebel

Das Netzpaket von Ministerin Reiche setzt bei einem echten Problem an: Netze sind Engpass, Redispatch (Netzengpassmanagement) kostet Geld. Nur ist die gewählte Medizin eine, die Investitionsrisiken verlagert.

Konkret geht es laut Berichten darum, Anschluss und Einspeisung stärker zu begrenzen, einen Redispatch Vorbehalt einzubauen, Erzeuger über Baukostenzuschüsse an Netzkosten zu beteiligen und in „kapazitätslimitierten Gebieten“ Entschädigungen bei Abregelung zu streichen.

Politisch klingt das nach Vernunft und Effizienz. Ökonomisch heißt das für viele Projekte: höheres Risiko, teurere Finanzierung, mehr Zurückhaltung. Und dann wird es sehr schwer, gleichzeitig billigen Strom und maximalen Ausbau zu versprechen.

C) Wärme, der Rückwärtsgang mit Warnblinker

Wenn das Heizungsgesetz abgeschafft und das GEG technologieoffener gemacht wird, verlängert das in der Praxis häufig die fossile Übergangszeit. Das kann kurzfristig beruhigen. Langfristig erhöht es das Risiko, dass spätere Anpassungen härter und teurer werden, weil man Zeit verloren hat.

D) Gas als Sicherheitsanker, mitten im Stresstest

Während Nahost zeigt, wie schnell Gaspreise springen, setzt die neue Linie gleichzeitig auf zusätzliche steuerbare Kapazitäten, unter anderem neue Gaskraftwerke. Das kann für Versorgungssicherheit sinnvoll sein. Es bedeutet aber auch: Mehr System bleibt preisabhängig vom Weltmarkt, also bleibt anfällig für geopolitische Schocks.


Warum die Empörung zu den Energiekosten scheinheilig ist

Weil die Beschwerden gerade so klingen, als hätte niemand den Zusammenhang gesehen.

Dabei ist es seit Jahren der gleiche Dreisatz:

  1. Fossile Energien reagieren empfindlich auf Krisen.
  2. Wer sie länger im System hält, bleibt länger im Krisenradius.
  3. Wer gleichzeitig Ausbau bremst oder riskanter macht, nimmt sich die beste Preisversicherung.

Wenn ihr also gerade Sätze hört wie „Jetzt steigen die Preise, wegen Nahost und die Energiewende ist zu teuer“, dann lohnt sich ein kurzer Realitätscheck: Ein Teil der Preisbewegung ist Weltmarkt. Ein Teil ist Hauspolitik und der Hauspolitik Teil ist nicht aus Versehen passiert.

Wer die Grünen Politik bremsen wollte, hat genau diesen Kurswechsel bestellt. Wer in der Debatte jahrelang das Bild gepflegt hat, dass Beschleunigung grundsätzlich übergriffig sei, bekommt nun mehr Langsamkeit, mehr Übergang, mehr Fossil im Mix.

Die Pizza ist im Ofen gewesen, ihr habt sie bestellt und jetzt ist sie auf dem Teller. Worüber regt ihr euch auf?

Thema Energiekosten und Unterschiede im Überblick Teil 1

PolitikfeldAmpel mit starken Grünen Anteilen – beschlossene und angeschobene MaßnahmeCDU und CSU plus SPD – jetzt geplant beziehungsweise im AnlaufenZentrales Risiko
Ausbauziele Strom80% erneuerbarer Strom bis 2030, konkret hinterlegt mit hohen GW Zielen für Wind und PV, zum Beispiel rund 215 GW PV und deutliche Anhebung Wind.Formal weiter Bekenntnis zu Klimaneutralität 2045, aber Zwischenziele weniger konkret, Fokus auf Versorgungssicherheit und Kosten.Ohne klar durchbuchstabierte, verbindliche Zwischenziele sinkt der Druck auf Länder und Branche; Ausbautempo könnte unter das nötige Niveau fallen.
Rechtsstatus EE und EEGErneuerbare gelten „im überragenden öffentlichen Interesse“ und als dienend der Versorgungssicherheit; Vorrang im Planungsrecht.Grundsätzliche Beibehaltung, aber Verschiebung der praktischen Prioritäten durch Netz und Kostenvorgaben; EE Vorrang wird faktisch relativierbar.Politische Signale werden widersprüchlicher: Formal Vorrang, praktisch können andere Ziele wie Kosten und Netz dominieren, das macht Investitionen riskanter.
Netzanschluss und EinspeisevorrangStarker Rechtsanspruch auf zügigen Anschluss und Einspeisung; Redispatch mit Entschädigungspflicht für abgeregelte EE Anlagen.„Netzpaket“: Redispatch Vorbehalt, kapazitätslimitierte Netzgebiete, Abregelung teilweise ohne Entschädigung, Baukostenzuschüsse auch für Erzeuger.EE Projekte werden vom Infrastruktur Asset zum Hochrisiko Asset; Finanzierung verteuert sich, Projekte werden verschoben oder gestrichen.
Genehmigungen EEVereinfachte und beschleunigte Genehmigungsverfahren, Flächenziele für Wind, 2% Ziel, gebündelte Verfahren.Beschleunigung bleibt offiziell Ziel, aber stärker gekoppelt an Netzkapazität, Regionalität und Rücksicht auf Kosten und Naturschutz.Zusätzliche Prüf und Abstimmungsebenen können den Netto Effekt der Beschleunigung konterkarieren; Behördenpriorität verschiebt sich Richtung Sicherheit und Kosten.
Förderlogik Strom, EEG und StrompreiseHöhere Ausschreibungsvolumina, Wettbewerbslogik bei Vergütung; Abschaffung der EEG Umlage, stärkere Finanzierung über Haushalt.Ziel: Energiepreise um mindestens 5 ct pro kWh senken durch Stromsteuer Minimum, Deckelung von Netzentgelten, mehr Angebot, Industriestrompreis.Kurzfristige Preisziele können Ausbau und Netzinvestitionen ausbremsen; fehlende Investitionen heute führen zu höheren Systemkosten morgen.

Thema Energiekosten und Unterschiede im Überblick Teil 1

PolitikfeldAmpel mit starken Grünen Anteilen – beschlossene und angeschobene MaßnahmeCDU und CSU plus SPD – jetzt geplant beziehungsweise im AnlaufenZentrales Risiko
Wärmewende und Heizung, GEG65% EE Pflicht für neue Heizungen, enge Kopplung an kommunale Wärmeplanung; massive Förderung für Wärmepumpen und Sanierung.Angekündigte „Reparatur“: mehr Technologieoffenheit, längere Übergangsfristen, größere Rolle für Gas, Biomasse und synthetische Brennstoffe.Lock in fossiler Systeme im Gebäudesektor, die später teuer ersetzt oder dekarbonisiert werden müssen; CO₂ Minderungsziele im Wärmebereich geraten in Verzug.
Kraftwerksstrategie und gesicherte LeistungFokus auf H₂ ready Gaskraftwerke als Brücke, starke Priorität für EE plus Speicher; fossile Kapazitäten perspektivisch rückläufig.Überarbeitung der Kraftwerkstrategie: bis zu 20 GW neue Gaskraftwerke, H₂ Quote nicht mehr zwingend, Nutzung bestehender Standorte.Gefahr, dass neue Gaskraftwerke lange mit fossilem Gas laufen; neue Importabhängigkeiten und Preissensitivität, sichtbar in Nahost und Iran Krisen.
Kostenverteilung Netze und RedispatchRedispatch Kosten im Wesentlichen bei Netzbetreibern und System, EE Anlagen werden entschädigt.Geplante Verlagerung: EE Betreiber sollen sich am Netzausbau beteiligen, weniger Entschädigung bei Abregelung, regional differenzierte Zuschüsse.Kleinere und mittlere Investoren werden abgeschreckt, Konzentration auf große Player; Netzausbau wird politisch leichter, aber EE Ausbau schwerer.
Gesamt Bild Energiewende TempoStudien bewerten die Ampel Energiepolitik als „besser als ihr Ruf“: deutlich mehr Tempo bei Zielen und Ausbau, aber noch Lücken.Neue Koalition will Ziele formal halten, aber Umsetzung „justieren“: mehr Bezahlbarkeit, Kosteneffizienz, Versorgungssicherheit im Zentrum.Klassisches Dilemma: Wenn drei Ziele Klimaschutz, Kosten, Sicherheit im Konflikt stehen, droht Klimaschutz als erster zu fallen, vor allem in Krisen wie Nahost.

Link zum Text: Energiekosten: Wer eine Pizza bestellt, bekommt eine Pizza. Worüber regt ihr euch auf?

Weitere Infos:

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