Zusätzliche Motoröl-Additive. Die Risiken und Nebenwirkungen

Moin liebe Gemeinde, ich schreibe euch Texte, in denen es mir um klare Botschaften geht und in denen man am Ende hoffentlich weiß, was Sache ist. Auch heute, nur mit deutlich weniger Geduld für Wunderfläschchen.
Zusätzliche Motoröl-Additive sind für viele so eine Art Beruhigungspille. Der Motor klingt rau, der Ölverbrauch nervt, das Schalten fühlt sich komisch an.
Mega, dann steht da im Regal eine Flasche, die verspricht, alles gleichzeitig zu lösen. Weniger Verschleiß, weniger Verbrauch, bessere Temperatur, sauberer Motor, mehr Laufkultur und am besten noch Probleme beseitigen, die garnicht vorhanden sind.
Das echte Problem ist nur, Motoröl ist keine Suppe, in die man nach Lust und Laune noch etwas nachwürzt. Motoröl ist ein chemisch abgestimmtes System. Wenn ihr daran herumrührt, dann kann es sein, dass ihr genau das zerstört, wofür ihr eigentlich bezahlt habt.
Vorhang auf für: „Zusätzliche Motoröl-Additive. Die Risiken und warum ihr damit oft mehr kaputtmacht als optimiert“.


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Warum Motoröl schon ab Werk eine Hightech Mischung ist

Moderne Motoröle bestehen nicht nur aus Grundöl, sondern auch aus einem Additivpaket. Dieses Paket ist eine chemische Balance, die perfekt im Einklang mit dem Grundöl, dem Motor und innerhalb der Viskosität funktionieren muss.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Verschleißschutz, etwa über ZDDP, in einer genau definierten Konzentration
  • Reinigungs und Dispergierwirkung, damit Ablagerungen nicht alles verkleben
  • Korrosionsschutz, damit Feuchtigkeit und Säuren nicht still und leise nagen
  • Reibungsmodifikatoren, damit der Ölfilm unter Druck stabil bleibt
  • Oxidationsschutz, damit das Öl nicht zu schnell altert

Diese Stoffe sind aufeinander abgestimmt und miteinander verknüpft. Wenn ihr also einen Stoff verstärkt, dann kann ein anderer Stoff plötzlich schwächer wirken. Genau deshalb stecken Ölhersteller so viel Zeit in Laborarbeit, Tests und Freigaben. Nicht weil sie Langeweile haben, sondern weil ein Motor ein sehr teurer Versuchsträger ist.

Das Grundproblem von Aftermarket Additiven

Bei vielen Aftermarket Additiven ist das Versprechen immer ähnlich: Ihr kippt etwas dazu und dann wird das vorhandene Öl besser.

In der Praxis kann es aber so laufen:

  1. Ihr verändert die Viskosität und damit den Ölfilm.
  2. Ihr verändert die Oxidationsstabilität und damit die Lebensdauer des Öls.
  3. Ihr verändert die Oberflächenchemie, also das, was sich auf Metall wirklich anlagert.
  4. Ihr riskiert Wechselwirkungen, die vorher niemand in eurem konkreten Öl geprüft hat.

Und dann habt ihr nicht „mehr Schutz“, sondern ein aus dem Gleichgewicht geratenes System.

Ein sehr wichtiger Punkt aus der Praxis und aus Laborbeobachtungen ist außerdem: Mehr Additiv ist nicht automatisch besser. Manche Additive konkurrieren sogar um denselben Platz auf der Metalloberfläche. Wenn ihr also einen Stoff überdosiert, dann kann es sein, dass ein anderer Stoff seine Wirkung komplett verliert. Das klingt banal, es ist aber genau der Bereich, in dem Verschleiß entsteht.

Zwei typische Katastrophen aus Testreihen

1) Leck Stop und dann geht nichts mehr

Bei einigen Zusätzen kann es passieren, dass sie sich nicht sauber im Öl halten, sondern sich absetzen oder klumpen. Wenn das dann in Richtung Filter oder feine Kanäle wandert, habt ihr plötzlich nicht mehr „Dichtungspflege“, sondern eine Verengung oder sogar Verstopfung. Das ist nur halb super, denn wir wissen wohl alle, dass eine funktionierende Ölversorgung keine Komfortfunktion ist. Eine funktionierende Ölversorgung ist gleichzusetzen mit Überleben der Technik.

2) ZDDP Booster und der Schutz, der Verschleiß macht

ZDDP ist ein Klassiker für Verschleißschutz, gerade bei bestimmten älteren Ventiltriebkonzepten. Nur ist die Dosis entscheidend. Wenn ihr zu viel ZDDP in ein Öl kippt, das bereits korrekt formuliert ist, kann die Grenzschicht instabil werden. Dann entstehen Ablagerungen, es kann zu ascheartigen Rückständen kommen, und der Verschleiß steigt ironischerweise genau dort, wo ihr ihn senken wolltet.

Das ist ungefähr so, als würdet ihr ein perfektes Rezept mit Salz tunen wollen und am Ende schmeckt alles nach Meerwasser.

Feststoff Additive, wenn es nach Hightech klingt, wird es manchmal gefährlich

Manche Produkte arbeiten mit Feststoffen, etwa PTFE, Keramik, oder anderen Partikeln. Das klingt nach Raumfahrt, ist aber im Ölkreislauf oft eine sehr schlechte Idee. Denn Motoren haben feine Ölkanäle, Siebe, Düsen, und empfindliche Bauteile wie Turboladerlager. Wenn Partikel dort hängen bleiben, dann reicht schon ein kleiner Engpass, damit einzelne Bereiche schlechter versorgt werden.

Und weil ihr nicht in den Motor hineinsehen könnt, merkt ihr das oft erst, wenn der Schaden schon nicht mehr klein ist.

Abgas, Sensoren und der teure Nebeneffekt

Überdosierte metallhaltige Additive können nicht nur im Motor auffallen, sondern auch im Abgasstrang. Katalysator und Lambdasonde sind empfindlich. Wenn ihr dort durch ungeeignete Metallanteile Probleme erzeugt, habt ihr schnell eine blinkende Motorkontrollleuchte und danach eine Reparatur, die sich garantiert nicht wie „günstiger Schutz“ anfühlt.

Garantie und Kulanz, warum ihr euch damit oft selbst ein Bein stellt

Jetzt der Teil, den viele erst nach dem Motorschaden lernen wollen, obwohl er vorher im Kleingedruckten steht.

Wenn euer Motoröl eine Herstellerspezifikation und eine Freigabe hat, dann gilt diese Freigabe für das Öl, so wie es ist. Nicht für Öl plus irgendeinen Zusatz.

Das bedeutet:

  • Ihr verändert ein freigegebenes Produkt.
  • Viele Hersteller untersagen zusätzliche Öladditive ausdrücklich oder sie weisen zumindest darauf hin, dass Garantie und Kulanz gefährdet sein können.
  • Im Schadenfall kann eine Ölanalyse Fremdstoffe zeigen. Dann diskutiert ihr nicht mehr über Gefühle, sondern über Beweislast.
  • Selbst wenn ihr überzeugt seid, dass das Additiv nicht schuld war, müsst ihr es im Zweifel nachweisen, und das ist in der Praxis unerquicklich.

Wenn Garantie oder Kulanz für euch noch relevant sind, dann ist die sauberste Lösung simpel: keine Experimente.

Was ihr stattdessen tun solltet, wenn ihr euren Motor wirklich schützen wollt

  1. Nehmt das richtige Öl mit der richtigen Spezifikation und der passenden Freigabe.
  2. Achtet auf die richtige Viskosität, so wie es Handbuch und Hersteller vorgeben.
  3. Passt das Öl an euren Einsatz an, also Kurzstrecke, Anhängerbetrieb, hohe Last, Kälte, Hitze.
  4. Wenn ihr Probleme habt wie hoher Verbrauch, Geräusche, Laufunruhe, dann sucht die Ursache, statt sie zu überdecken.
  5. Wenn ihr unbedingt optimieren wollt, dann macht lieber kürzere Wechselintervalle, statt Chemie nachzukippen.

Das klingt unsexy, ist aber genau die Art von unsexy, die Motoren sehr mögen.

Kurzer Sonderfall: Kraftstoff Additive sind ein anderes Kapitel

Ein wichtiger Unterschied, Kraftstoffzusätze sind nicht automatisch das gleiche Thema wie Ölzusätze.

Bestimmte Kraftstoffadditive mit Polyetheramin können tatsächlich Ablagerungen im Kraftstoffsystem reduzieren und sie können Einspritzdüsen und Brennraum sauberer halten. Das kann sinnvoll sein, wenn es zur Motorbauart und zum Problem passt.

Nur ist auch hier die Regel gleich: keine Magie erwarten, sondern nur gezielte Anwendung und nicht als Dauerlösung, wenn eigentlich Wartung und Diagnose fehlen.

Fazit: Öl hat bereits ein Rezept und ihr seid sicherlich nicht der bessere Koch

Ich schreibe euch das so deutlich, weil ich diesen Reflex verstehe, aber weil er euch teuer zu stehen kommen kann. Wenn ihr ein hochwertiges Öl mit passender Spezifikation nutzt, dann habt ihr bereits ein abgestimmtes System im Motor. Wenn ihr dann etwas hinein kippt, von dem niemand geprüft hat, wie es mit eurem konkreten Öl und euren Materialien reagiert, dann spielt ihr mit Risiken, die ihr nicht einschätzen oder sofort sehen könnt.

Motoröladditive sind deshalb für die meisten von euch eine Abkürzung direkt in die Werkstatt.

Link zum Artikel: Zusätzliche Motoröl-Additive. Die Risiken und Nebenwirkungen

Weitere Infos:

Das richtige Motoröl! Ein spontaner Guide.

Ihr hattet nur einen Job: Das korrekte Motoröl

Motorenöl selbst mischen oder warum wir Öl quer durch die Welt schicken und nicht einfach vor Ort mixen.

Teil 1: Die Evolution der Viskosität im Motoröl: Wie alles begann

Teil 2: Viskosität im Motoröl heute: Motorsport, Low SAPS, Zukunft

Welche Ölanalysen gibt es?

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