Teil 2 nach Al Capones „rollender Festung“: Jetzt kommt das Auto, das den Abspann schon eingebaut hatte.
Im ersten Teil ging es um Al Capone und sein Auto: Chrom als Drohgebärde, Gewicht als Argument, und das Gefühl, dass selbst die Straße ängstlich leiser wird, wenn sich so ein Wagen vorbeischiebt. Heute wechseln wir die Kulisse. Weg vom gepanzerten Boss-Mythos, hin zu einem Ford, der eigentlich nur ein ganz normales Leben führen wollte, aber stattdessen zum bekanntesten Fluchtfahrzeug Amerikas wurde. Manche Autos werden Oldtimer, manche werden Beweisstücke der Geschichte.
Willkommen beim Ford Deluxe Sedan von 1934, dem „Todesauto“ von Bonnie Parker und Clyde Barrow oder „Wo ist das original „Bonnie und Clyde-Auto“?

Der Wagen: nicht schnell, nur schnell genug
Der starre Star der Geschichte ist ein Ford Deluxe Sedan, Baujahr 1934. Keine Rennmaschine, kein Sportwagen, keine Pose. Unter der Haube steckte der damals berühmte Flathead V8 mit rund 3,6 Litern Hubraum, kombiniert mit Dreigang-Handschaltung und Hinterradantrieb. Leistungsangaben werden je nach Quelle unterschiedlich genannt (die Spannweite reicht in Berichten von ungefähr 45 bis 85 PS), aber das Entscheidende war: Er war zuverlässig und er konnte, wenn es nötig wurde, abhängen.
Zur genaueren Einordnung: Die Höchstgeschwindigkeit wird oft mit rund 65 mph angegeben. Der Neupreis lag je nach Ausführung etwa bei 525 bis 625 Dollar. Nicht glamourös. Nur praktisch.
Und genau das ist manchmal der Anfang einer großen Story oder auch viel Ärger.
Das Auto gehörte ihnen nicht: Es gehörte den Warrens
Hier kommt der Twist, den einige gern übersehen: Bonnie und Clyde haben den Ford nicht besessen. Sie haben ihn gestohlen. Wie im übrigen auch viele andere Autos, das aber nur nebenbei.
Die ursprünglichen Besitzer waren Ruth und Jesse Warren aus Topeka, Kansas. Sie hatten den Wagen bei einem örtlichen Ford-Händler gekauft, für 835 Dollar (heute grob in der Gegend von rund 14.000 Dollar, je nach Rechenweg). Und sie hatten ihn sogar recht nett ausgestattet:
- Reserverad-Abdeckung aus Metall
- Stoßstangenschutz vorn und hinten
- Sicherheitsglasfenster
- nach hinten öffnende Türen
- Lackierung Cordoba Grey
- Lederausstattung
- sogar ein Arvin-Warmwasserbereiter
Sie fuhren nur wenige Kilometer damit. Dann verschwand der Wagen im Mai 1934 vom Grundstück. Wie genau, ist nicht sauber dokumentiert, aber die gängige Erzählung: Während Ruth abgelenkt war, war das Auto weg.
Und aus einem frisch gekauften Alltags-Ford wurde ein rollender Steckbrief.
Die „lange Reise“: 7.000 Meilen, Raub, Flucht, Ende
In den Wochen danach nutzten Bonnie und Clyde den Sedan als Fluchtwagen. Er trug sie durch eine Verbrechensserie, die so oft nacherzählt wurde, dass sie fast wie Hollywood netto wirkt, nur dass die Story dabei echte Menschen gesehen hat und echte Opfer.
Sie sollen in dieser Zeit ungefähr 7.000 Meilen damit zurückgelegt haben.
Das Ende kam am 23. Mai 1934 in Louisiana: ein Hinterhalt, ein Feuersturm und ein Auto, das danach nicht mehr einfach „ein Auto“ war.
Wie viele Treffer? Auch hier schwanken die Angaben. Manche sprechen von 112 Einschusslöchern, andere von über 160, aber in jedem Fall gilt: deutlich über 100. Kugeln gingen durch Türen, Kotflügel, Fensterbereiche und sogar durch die Motorhaube. Der Wagen war nicht nur gestoppt worden, er war regelrecht markiert worden.
Und genau so blieb er im Gedächtnis.
Nach dem Hinterhalt: zurück nach Kansas, Gericht, Vermietung, Jahrmarkt
Nach dem Tod des Duos wurde der Ford zurück nach Kansas gebracht. Dann passierte etwas, das in dieser Geschichte fast schon wie ein juristischer Nachsatz wirkt: Ruth Warren bekam den Wagen per Gerichtsbeschluss zurück.
Und was macht man mit einem Auto, das plötzlich ein Magnet für Sensationslust ist?
Ruth tat das, was man in den 1930ern mit einem Publikumsmagneten tat: Sie vermietete ihn.
Erst ging er an John Castle von United Shows und wurde als Ausstellungsstück genutzt, unter anderem auf den Topeka Fairgrounds. Als die Zahlung ausblieb, landete er wieder bei Ruth.
Danach wurde es noch systematischer: Für 200 Dollar im Monat ging der Wagen an Charles Stanley, der ihn quer durchs Land zu Messen und Veranstaltungen schleppte. Später verkaufte Ruth ihm das Auto schließlich für 3.500 Dollar.
Der Ford wurde damit endgültig zum reisenden Exponat.
Fälschungen, Filmtricks und die Sache mit den Hühnern
Wo Ruhm ist, sind Nachbauten nicht weit. Über die Jahre tauchten zahlreiche Fälschungen auf, teils für Filme, teils für Showzwecke.
Eine besonders makabre Episode: Ein Showman soll ein ähnliches Ford-Sedan-Modell benutzt haben, Hühner hineingesetzt und auf das Auto geschossen haben, um einen „Blutspritzer-Effekt“ zu erzeugen, den er dann als „Beweis“ für das Original ausstellte. Das flog auf und er wurde strafrechtlich verfolgt. Später soll Warner Bros. diese Fälschung gekauft und für den Film von 1967 als Nachbaugrundlage genutzt haben.
Der echte Wagen blieb der echte Wagen. Und gerade weil so viel gefälscht wurde, wurde seine originale Herkunft immer wichtiger.
Ein bisschen Restaurierung, ein bisschen Show: Great Race und Plexiglas
Der Ford wechselte im Lauf der Jahrzehnte mehrfach die Hände. Für das Interstate Batteries Great Race 1987 wurde er leicht angepasst: Unter anderem kamen Plexiglasfenster hinein und der Motor wurde restauriert, damit er die technische Prüfung für das Rennen bestehen konnte.
Das klingt paradox, ist aber typisch: Man bewahrt ein historisches Objekt, indem man es minimal verändert, damit es weiter existieren darf.
Der Weg nach Nevada: Rekordauktion, Pop’s Oasis, dann Primm
Jetzt kommt die Route, die das Auto endgültig in die Wüste brachte.
1973 wurde der Wagen bei einer Auktion in Massachusetts verkauft, und zwar für 175.000 Dollar. Damals ein irrer Betrag, und er gilt in Berichten als teuerster Oldtimer der Welt zu diesem Zeitpunkt.
Gekauft hat ihn Peter Simon, ein junger Kasinobetreiber aus Jean, Nevada, gerade einmal 22 Jahre alt und damals einer der jüngsten Glücksspiel-Lizenznehmer des Bundesstaats. Er betrieb Pop’s Oasis, übernommen von seinem Vater („Pop“ Simon).

Simon stellte das Auto nicht privat unter. Er baute ein kleines Museum darum. Ziel: die Menschen von der Interstate 15 abfangen, die nach Las Vegas unterwegs waren.
Das funktionierte. Zwischen 1973 und 1975 kamen laut Berichten über 100.000 Besucher, Eintritt 2,50 Dollar, Einnahmen grob eine Viertelmillion. Irgendwann sagte Simon sinngemäß: Aufgabe erfüllt. Er kündigte 1975 an, das Auto verkaufen zu wollen, auch weil er es in der neuen Umgebung zunehmend als geschmacklos empfand, vor allem im Zusammenhang mit dem Bau des nahegelegenen Jean Conservation Camp (einer Einrichtung für weibliche Straftäter mit niedriger Sicherheitsstufe).
Später liquidierte er Pop’s Oasis also, samt Inventar.
Dann kam Primm.
1988 kaufte Gary Primm, Sohn von Ernest Primm, den Wagen bei einer Auktion für 250.000 Dollar. Zunächst wurde er in Whiskey Pete’s ausgestellt. Mehr als ein Jahrzehnt später kam als weiteres Stück Makaber-Historie Clydes blutbeflecktes Hemd dazu, das heute oft direkt neben dem Wagen gezeigt wird.
Während der COVID-19-Pandemie wanderte die Ausstellung zeitweise an den Eingang der Primm Mall. Ende 2022 zog sie, nach Wiedereröffnung und internen Umzügen, wieder in ein Casino-Setting um.
Wo steht er heute?
Aktuell steht das „Todesauto“ in Primm, Nevada, im Casino-Komplex, in einer großen Glasvitrine im Casino Buffalo Bill’s. Bewacht nicht von Sicherheitsleuten, sondern von Symbolik: Bonnie-und-Clyde-Schaufensterpuppen, Erinnerungsstücke, Begleittexte, dazu passend sogar Spielautomaten im Bonnie-und-Clyde-Thema. Der Besuch ist laut Beschreibung vor Ort kostenlos möglich und die Ausstellung ist auf Dauerpräsenz ausgelegt.
Das Auto hat seine Reise also zunächst beendet, zumindest geografisch. Erzählerisch fährt es immer weiter.
Ein letzter Blick: Warum dieses Auto mehr ist als ein Krimi-Requisit
Bei Al Capone war das Auto ein Werkzeug der Macht. Bei Bonnie Parker und Clyde Barrow ist es ein Zeuge. Ein Alltags-Ford, der zur Legende wurde, weil er genau zur falschen Zeit am richtigen Ort war, und weil die Einschusslöcher später mehr verdienten als die ursprünglichen Besitzer.
Und irgendwo in Primm steht er nun unter Glas, als hätte man die Vergangenheit eingelagert, damit sie nicht vergessen wird.
Link zum Artikel: Wo ist das original „Bonnie und Clyde-Auto“?
Weitere Infos:
Auf carlexandria.com gibt es die original Broschüren des Autos:
NEW FORD V-8 DE LUXE FORDOR SEDAN
Hier steht die Karre jetzt:
Primm Valley Resort & Casino
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