Die verlorene Generation

Man hat einer ganzen Generation erzählt, sie solle die Zukunft bauen. Also haben junge Menschen Energietechnik studiert, an neuen Antrieben geforscht, sich in Elektrotechnik, Maschinenbau, Netze, Speicher und erneuerbare Energien hineingearbeitet.
Kaum stehen sie bereit, dreht die Politik sich um, streichelt wieder den Verbrenner, flirtet mit Atomkraft und verkauft fossile Rückfälle als Realismus.
Genau darin liegt die eigentliche Absurdität dieser Zeit. Deutschland braucht die Fachkräfte von morgen dringender denn je und behandelt sie gleichzeitig so, als sei ihre Arbeit bloß ein temporärer modischer Irrtum.
Das ist nicht nur kurzsichtig, das ist ein politischer Offenbarungseid.
Heute: „Die verlorene Generation, der letzte bläst die Kerze aus.“

Es gibt Länder, die bauen Zukunft. Und es gibt Deutschland,

… das erst Studiengänge, Industrien und Hoffnungen in Richtung Energiewende schiebt, um dann mitten auf der Strecke zu fragen, ob man nicht vielleicht doch wieder „mit dem Rückwärtsgang nach vorn“ fahren sollte.
Das ist ungefähr so klug, wie erst eine Brücke zu bauen und anschließend auf halber Strecke festzustellen, das keine Rampe zur Brücke führt. Das würde ja auch niemand machen, oh wait…..: Realer Irrsinn: Brücke ohne Zugang

Aber genau darin liegt das eigentliche Drama. Strom aus erneuerbaren Energien ist längst keine Randnotiz mehr, sondern tragende Säule. 2024 kamen 59,4 Prozent des in Deutschland erzeugten und eingespeisten Stroms aus erneuerbaren Energieträgern, 2025 waren es nach vorläufigen Zahlen 58,6 Prozent.
Die Wirklichkeit ist also weiter als das politische Geraune. Gerade deshalb ist es so fatal, wenn die Politik wieder an geschaffenen Realität sägt und dabei so tut, als sei das nüchterne Vernunft.

Der Kern meiner Kritik ist simpel

Diese Republik hat jungen Menschen jahrelang erzählt, ihre Zukunft liege in Transformation, Elektrifizierung, Netzen, Speichern, neuen Antrieben, intelligenter Infrastruktur und klimafester Industrie. Jetzt sendet sie ausgerechnet unter einer Bundesregierung mit Katherina Reiche Signale, die nach Gasromantik, Atomsehnsucht und Verbrennerverlängerung klingen. Das ist keine Strategie, das ist politische Verunsicherung im Maßanzug.

Und ja, man darf dabei sehr deutlich werden. Denn der Geschmack dieser Konstellation ist fatal. Katherina Reiche ist seit dem 6. Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Zuvor war sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, also eines großen Energieunternehmens aus dem E.ON Umfeld. Westenergie selbst führte sie noch Anfang 2025 offiziell als Vorstandsvorsitzende.
Wenn dann eine solche Ministerin energiepolitische Leitlinien formuliert, die den Kurs neu sortieren, darf man das nicht einfach als technischen Verwaltungsvorgang abheften.
Dann muss man die Frage stellen, wie ungeniert Lobbylogik inzwischen in Regierungsverantwortung übergeht. Nicht im Hinterzimmer unter’m Tarnnetz, sondern direkt auf der großen Politbühne.

Das Bundeswirtschaftsministerium

Das Bundeswirtschaftsministerium hat im September 2025 seinen Monitoringbericht zur Energiewende vorgelegt, flankiert von zehn sogenannten Schlüsselmaßnahmen. Offiziell liest sich das wie Realismus und Wettbewerbsfähigkeit. In der politischen Übersetzung bedeutet es vor allem, weniger Verlässlichkeit für einen Umbau, der auf Verlässlichkeit angewiesen ist.

Wer Investitionen in Netze, Speicher, Solartechnik, Windkraft, Ladeinfrastruktur und elektrische Systeme auslösen will, kann nicht im selben Atemzug den Eindruck erwecken, dass das Ganze jederzeit wieder unter Kuratel gestellt wird, sobald die alte fossile Bequemlichkeit mit dem Finger schnippt.

Dann kommt noch Markus Söder ungefragt ums Eck, jene politische Dauernebelmaschine aus Bayern, die aus jeder Technikfrage zuverlässig eine kulturkämpferische Bierzeltnummer macht. Seit September 2025 forderte er erneut, das EU-Ziel für neue emissionsfreie Autos ab 2035 zu kippen. Seit dem Winter trommelte er zusätzlich für Mini Atomkraftwerke in Bayern. Man muss sich das wirklich langsam auf der Zunge zergehen lassen, während Unternehmen, Beschäftigte und Studierende nach klaren Linien suchen, liefert Söder Debatten aus dem Retrofundus, geschniegelt als Zukunftsvision. Das ist keine industriepolitische Führung, das ist ein Karikatur einer solchen.

Dabei ist die europäische Richtung im Kern längst gesetzt. Die EU hat den Pfad zu null CO2 Emissionen bei neuen Pkw und leichten Nutzfahrzeugen ab 2035 beschlossen. Man kann darüber streiten, wie Übergänge gestaltet werden, wie Technologieoffenheit konkret auszusehen hat oder wie globaler Wettbewerb fair organisiert wird. Was man nicht kann, jedenfalls nicht ohne Schaden, ist den Rahmen ständig politisch zu entwerten. Wer dauernd so tut, als könne man Grundsatzentscheidungen alle paar Monate neu würfeln, schützt keine Industrie, er macht Planung kaputt.

Genau hier beginnt die verlorene Generation.

Sie besteht nicht nur aus den Studierenden in ein paar Spezialfächern. Es geht um den gesamten technischen Nachwuchs, den dieses Land für Energiewende, alternative Antriebe und industrielle Erneuerung bitter nötig hätte, aber politisch behandelt wird, als sei Zukunft bloß ein Wahlkampfaccessoire.

Die Republik tut gern so, als stünde eine ideologische aufgeladene Armada an Nachwuchskräften bereit, die nur darauf warte, Windräder zu bemalen und Verbrennern die Luft abzulassen.
In Wahrheit sind die expliziten, eng auf Energiewende zugeschnittenen Studiengänge keine Massenfächer, sondern eher kleine Leuchtpunkte in einer Landschaft, die weniger Gegenwind, sondern viel mehr Verstärkung und Unterstützung bräuchte.
Wenn dann noch gleichzeitig die großen technischen Trägerfächer an Zug verlieren, dann trifft die Verunsicherung nicht irgendeine Randgruppe, sondern die industrielle Substanz von morgen.

Noch unbequemer wird es, wenn man auf die Arbeitswelt schaut.

2023 arbeiteten in Deutschland rund 276.000 Menschen im Bereich erneuerbare Energien. Bei den deutschen Energieversorgern waren es 2025 rund 224.621 Beschäftigte. Das sind zusammen bereits gut eine halbe Million Menschen in Bereichen, die direkt an Energieversorgung, Umbau und Infrastruktur hängen.
Und das ist noch konservativ, weil damit weder der gesamte industrielle Unterbau noch angrenzende Tätigkeiten in Forschung, Zulieferung, Software, Speichertechnik oder netznahem Dienstleistungsbereich vollständig erfasst sind.
Parallel beziffert das Umweltbundesamt die gesamte GreenTech Branche in Deutschland für 2023 auf rund 3,4 Millionen Beschäftigte. Wer da noch so spricht, als ginge es bei der grünen Transformation um ein paar versprengte Idealisten mit Lastenrad und Excel Tabelle, redet nicht über die Realität. Er redet an ihr vorbei.

Das IW Köln zeigt, dass die Zahl offener Stellen in 31 Engpassberufen für den Ausbau erneuerbarer Energien von 115.345 im Jahr 2014 auf 184.548 im Jahr 2024 gestiegen ist. Rechnerisch blieben zuletzt knapp 120.000 dieser Stellen unbesetzt. Das Land hat also nicht zu viele Leute, die sich mit Zukunftstechnologien beschäftigen. Es hat zu wenige, viel zu wenige.
Die eigentliche Knappheit ist nicht Wind oder Sonne. Die eigentliche Knappheit steht morgens auf, fährt zur Arbeit und fehlt trotzdem.

Gleichzeitig hält sich in Deutschland hartnäckig das Ritual, jeden Fortschritt mit dem Verweis auf die Autoindustrie zu erschrecken.

Auch hier lohnt der nüchterne Blick. Die deutsche Automobilindustrie beschäftigte 2024 laut VDA rund 772.900 Menschen. Das ist eine gigantische Branche und selbstverständlich von zentraler Bedeutung. Aber auch hier zeigt die Statistik keinen Aufbruch im alten Modell, sondern einen länger laufenden Rückgang. Seit dem Höchststand 2018 ist die Beschäftigung laut VDA um knapp 61.000 Personen gesunken. Das heißt nicht, dass diese Industrie abgeschrieben wäre. Es heißt aber sehr wohl, dass sie Stabilität, Investitionssicherheit und klare Leitplanken bräuchte, statt dauernd neue politische Ausreden, mit denen man sich vor der Zukunft drückt.

Genau deshalb ist der aktuelle Kurs so brandgefährlich. Er spielt die Sektoren gegeneinander aus, statt den Übergang zu organisieren, tut so, als müsse man sich zwischen Industrie und Klimaschutz entscheiden, obwohl moderne Industrie längst auf Elektrifizierung, Effizienz, Digitalisierung, Netze und neue Materialien angewiesen ist.
Er verkauft Zögern als Vernunft, obwohl die Märkte, die Unternehmen und die Beschäftigten längst im Umbau stehen. Und er beschädigt das Vertrauen derjenigen, die genau diese Zukunft tragen sollen. Studierende, Ingenieurinnen, Monteure, Entwickler, Energieplaner, Netzspezialisten, Batteriechemiker, Wärmepumpenbauer, Forschungsteams.

Sie alle hören aus der Politik nicht Aufbruch, sondern Vorbehalt. Nicht Rückenwind, sondern dieses typisch deutsche Räuspern vor dem Rückzug.

Das ist die verlorene Generation. Nicht, weil sie unfähig wäre oder weil ihre Themen keine Zukunft hätten. Sondern weil man sie in ein Land hinein ausbildet, das an seinen wichtigsten Stellen wieder mit der Vergangenheit flirtet.
Ein Land, das erneuerbare Energien statistisch als Rückgrat nutzt, sie politisch aber behandelt, als seien sie ein Hobby mit Haushaltsvorbehalt.
Ein Land, das Fachkräfte sucht, aber Signale sendet, als wären fossile Reserven und atomare Träumereien die coolere Erzählung und das sich über Personalmangel beklagt, aber den Nachwuchs in genau den Bereichen verunsichert, in denen er am dringendsten gebraucht wird.

Brüssel ist dabei kein Unschuldslamm, aber auch nicht der Hauptschuldige.

Die EU setzt harte Rahmen, ja. Manches davon ist sperrig, manches bürokratisch, manches zu langsam und manches zu grob.
Doch der eigentliche deutsche Schaden entsteht zu Hause. In der deutschen Lust am Schlingerkurs, der Leidenschaft, jede langfristige Weichenstellung sofort wieder parteipolitisch zu zersägen.
In dieser seltsamen Sucht, Zukunft stets nur so lange gut zu finden, bis sie konkret wird und Investitionen verlangt.
Dann möchte man plötzlich doch wieder ein bisschen Verbrenner, ein bisschen Gas, ein bisschen Kernkraft, ein bisschen Aufschub und am Ende am besten gar keine klare Zumutung mehr.
Das Ergebnis ist keine Balance, das Ergebnis ist Lähmung.

Man kann ein Land nicht gleichzeitig transformieren und ihm jeden zweiten Tag erzählen, dass Transformation vielleicht doch ein Irrtum war.
Man kann nicht den Nachwuchs für Energietechnik, neue Antriebe und Industrieumbau brauchen und ihn politisch behandeln wie eine Fußnote. Außerdem kann man nicht ernsthaft die Lobbytür so weit offenlassen, bis der Eindruck entsteht, Ministerien seien nur noch eine weitere Etage in der Konzernzentrale.

Deshalb mein Appell, in aller gebotenen Unfreundlichkeit gegenüber diesem Kurs: Hört auf, die Zukunft zu beleidigen, den fossilen Trostpreis als Realismus zu verkaufen, Atomfolklore und Verbrennernostalgie als industrielle Rettung zu inszenieren.

Dieses Land braucht Klarheit, Ausbau, Ausbildung, Netze, Speicher, Forschung und Respekt vor den Menschen, die seit Jahren an genau dieser Zukunft arbeiten.

Sonst bleibt von der großen deutschen Energie und Industriepolitik am Ende nur ein schlecht beleuchteter Raum, in dem die einen noch von gestern reden, während die anderen längst verstanden haben, dass morgen gebaut werden müsste.

Und dann gilt tatsächlich nur noch der Satz im Untertitel.

Der letzte bläst die Kerze aus.

Link zum Artikel: „Die verlorene Generation, der letzte bläst die Kerze aus.“

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert