Warum der VW ID. Polo GTI genau zur richtigen Zeit kommt
Eigentlich halte ich ja nicht viel von neuen Autos.
Das ist jetzt keine besonders überraschende Aussage für alle, die hier öfter mitlesen. Neue Autos sind mir häufig zu digital, zu künstlich, zu teuer, zu sehr Touchscreen und zu wenig Gefühl. Viele moderne Fahrzeuge wirken auf mich wie rollende Handys mit Lenkrad. Man sitzt drin, sucht eine Funktion, wischt sich durch irgendein Display, ärgert sich über überladene Lichtleisten und fragt sich, wann eigentlich irgendjemand beschlossen hat, dass ein einfacher Knopf ein gesellschaftliches Problem sein soll.
Und dann kommt Volkswagen mit einem elektrischen Auto, dem VW ID. Polo GTI.
Genau, Volkswagen!
Wir hatten vorgestern hier noch einen langen, schweren Text über die Krise bei VW, über Kapitalmarkt, China, Margen, Software, CARIAD, Vertrauen und all die Themen, bei denen man nach dem Schreiben erst einmal einen Kaffee und ein offenes Fenster braucht.
Einen Tag später ergab sich im Rahmen einer Veranstaltung zufällig die Gelegenheit, mit zwei Journalisten über deren Fahrerlebnisse im neuen ID. Polo GTI zu sprechen. Die Namen bleiben draußen, weil es hier nicht um Personen geht, sondern um den Eindruck.
Und dieser Eindruck war erstaunlich eindeutig.
Der kleine Elektro-GTI scheint eines dieser Autos zu sein, bei denen man erst mit verschränkten Armen davorsteht und anschließend merkt, dass man trotzdem schon innerlich die Sitzposition einstellt.
Er ist elektrisch, er ist neu und er trägt das ID.-Label. Trotzdem wirkt er nicht wie ein Auto, das einem erklären will, wie futuristisch es ist. Er wirkt eher wie ein kleiner, frecher Volkswagen, der verstanden hat, warum Menschen den Begriff GTI überhaupt einmal mochten.
Das ist schon fast verdächtig sympathisch.
Wenn VW plötzlich wieder Knöpfe kann
Fangen wir mit dem vielleicht wichtigsten Punkt an: Es gibt wieder richtige Bedienelemente.
Volkswagen setzt beim ID. Polo GTI wieder stärker auf physische Tasten, separate Klimabedienung und einen Drehregler für die Lautstärke. Das klingt in einer Welt, in der man inzwischen manchmal drei Untermenüs braucht, um die Sitzheizung zu finden, fast revolutionär. Natürlich ist das eigentlich keine Revolution, es ist gesunder Menschenverstand, aber genau der war in modernen Innenräumen zuletzt nicht immer serienmäßig.
Auch in den Fahrberichten wurde dieser Punkt ausdrücklich gelobt. Endlich wieder Tasten, Knöpfe und Schalter, keine ungeliebten Slider mehr, dazu digitale Instrumente mit Retro-Grafik im Stil alter Golf-Modelle. Das ist der Moment, in dem man in Richtung Volkswagen einmal kurz sagen möchte: Na also, geht doch.
Und ja, ich weiß, ein Auto wird nicht allein dadurch gut, dass es Knöpfe hat. Aber ein Auto wird sehr wohl besser, wenn man nicht jedes Mal das Gefühl bekommt, gegen ein schlecht gelauntes Tablet zu kämpfen.
Der ID. Polo GTI macht hier etwas richtig, das viele Hersteller in den vergangenen Jahren verlernt haben: Er gibt dem Fahrer wieder ein bisschen Würde zurück.
Die harten Daten: klein, elektrisch, 226 PS und Frontantrieb
Technisch ist der ID. Polo GTI kein Fantasieprojekt.
Leistung: 166 kW (226 PS) und 290 Newtonmeter Drehmoment an der Vorderachse.
Beschleunigung: Von 0 auf 100 km/h in 6,8 Sekunden.
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h.
Batterie und Reichweite: 52-kWh-Batterie für eine Reichweite von bis zu 424 Kilometern.
Laden: Mit bis zu 105 kW (Gleichstrom/DC) von 10 auf 80 Prozent in 24 Minuten
Volkswagen packt serienmäßig eine elektronisch geregelte Vorderachsquersperre, ein adaptives DCC-Sportfahrwerk, 19-Zoll-Räder, Top-Sportsitze und IQ.LIGHT LED-Matrix-Scheinwerfer hinein. Dazu kommt ein eigenes GTI-Fahrprofil, das per Knopfdruck Antrieb, Lenkung, Fahrwerk und Cockpitgrafik auf mehr Dynamik stellt.
Das liest sich nicht wie ein reiner Ausstattungstrick. Das liest sich wie der Versuch, den alten GTI-Gedanken tatsächlich ins Elektrozeitalter zu übersetzen.
Was die beiden Testfahrer erlebten
Die beiden Journalisten, mit denen ich sprechen konnte, waren keine euphorischen Influencer mit frisch poliertem Dauergrinsen. Es waren Menschen, die Autos fahren, vergleichen, einordnen und nicht sofort bei jedem roten Streifen auf der Frontschürze anfangen, innerlich Konfetti zu werfen.
Gerade deshalb war interessant, was hängen blieb.
Der erste Eindruck war nicht: „Irre schnell.“ Auch nicht: „Das ist die elektrische Revolution der Kleinwagenklasse.“ Der Eindruck war eher: Der macht dich an, ohne dich zu nerven.
Das ist für mich eine ziemlich gute Zusammenfassung eines gelungenen GTI.
Ein guter GTI muss nicht der stärkste, lauteste oder dramatischste Wagen seiner Klasse sein. Er muss nah an dich heranrücken. Er muss direkt genug sein, um dich zu packen, aber nicht so übertrieben, dass du dich nach 20 Minuten fragst, warum du eigentlich angeschrien wirst. Genau das scheint dem ID. Polo GTI zu gelingen.
Es wird beschrieben, dass der Wagen mit viel Grip in Einlenkpunkte geht, beim Herausbeschleunigen traktionsstark bleibt und dank elektronisch geregelter Vorderachsquersperre keine störenden Lenkeinfluss-Spielchen veranstaltet. Noch schöner: Wenn man es darauf anlegt, soll das Heck beim Lupfen des Fahrpedals spürbar mitarbeiten. Das klingt nicht nach sterilem Elektrogerät, sondern nach einem kleinen Auto, das Kurven nicht nur verwaltet, sondern mitspielt.
Genau an dieser Stelle beginnt bei mir die Sympathie.
Ein Auto, das auf dem Papier nicht wahnsinnig wirkt, aber auf der Straße wach ist, hat mich schneller als jedes übermotorisierte Datenblattmonster.
Der Sound: künstlich, aber nicht automatisch peinlich
Jetzt kommen wir zum heiklen Thema Sound.
Ein elektrischer GTI ohne Motorgeräusch ist natürlich eine emotionale Mutprobe. Der klassische GTI war nie ein italienisches Opernhaus auf Rädern, aber ein bisschen mechanisches Leben gehörte immer dazu. Ansaugung, Auspuff, Lastwechsel, dieses kleine Gefühl, dass vorne gerade irgendetwas arbeitet und hinten jemand leicht grinst.
Beim ID. Polo GTI kommt der Sound natürlich künstlich. Was sonst?!
Nach allem, was aus den Fahrberichten und Gesprächen hängen blieb, ist der Sound kein Stimmungskiller. Er ist vielleicht nicht perfekt, aber er macht offenbar genug, um den Wagen nicht stumm und steril wirken zu lassen.
Das ist wohl eine faire Einordnung.
Ich glaube, man muss bei solchen Autos ohnehin aufpassen, dass man nicht das Falsche erwartet. Ein elektrischer GTI wird nie wie ein alter G40, Golf II oder Polo GTI mit Sportauspuff klingen. Wenn er es versuchen würde, wäre das vermutlich ziemlich peinlich. Entscheidend ist, ob der Klang als Teil des Fahrerlebnisses funktioniert, was hier offenbar der Fall ist.
Und ehrlich gesagt: Klangwunder waren viele GTIs nie. Gute GTIs mussten vor allem fahren.
Fahrwerk: genau hier entscheidet sich der GTI
Die eigentliche Musik spielt beim Fahrwerk.
Der ID. Polo GTI ist knapp 4,10 Meter lang, hat einen Radstand von 2,599 Metern und wiegt laut VW ab 1.540 Kilogramm ohne Fahrer. Damit ist er für einen Kleinwagen kein Fliegengewicht, aber für ein Elektroauto dieser Klasse auch kein rollender Tresor.
Serienmäßig gibt es adaptive Dämpfer. Im Individual-Modus lassen sie sich fein abstimmen, und genau das scheint wichtig zu sein. Ein kurzer Radstand, 19-Zoll-Räder und 235/40er Reifen können auf welligen Straßen schnell nervös werden. Der ID. Polo GTI soll aber selbst auf anspruchsvollem Belag gelassen bleiben, Bodenkontakt halten und seine Insassen nicht mürbe klopfen.
Das ist ein entscheidender Punkt, weil ein guter kleiner Sportwagen nicht einfach nur hart sein darf. Hart kann jeder. Gut ist ein Fahrwerk dann, wenn es Kontrolle gibt, ohne dem Fahrer ständig zu zeigen, wie sportlich es angeblich ist.
In den Gesprächen klang genau das durch: Der Polo ist nicht der brutalste kleine Elektro-Hot-Hatch, sondern eher der sauber abgestimmte, erwachsene, aber trotzdem lebendige Typ. Wer maximalen Krawall will, wird vielleicht eher zum Cupra Raval VZ schauen. Wer einen kleinen GTI sucht, der im Alltag nicht nervt und trotzdem bei Laune ist, dürfte beim VW genauer hinsehen.
Innenraum: Karomuster, Retro-Grafik und endlich kein Raumschiff-Gehabe
Der Innenraum ist vielleicht der Teil, an dem ich am stärksten hängen geblieben bin.
Rot und Schwarz, GTI-Ziernähte, Sportsitze mit neu interpretiertem Schottenkaro, eine 12-Uhr-Markierung im Lenkrad und Retro-Anzeigen, die an alte Golf-Instrumente erinnern. Das klingt auf dem Papier schnell nach Nostalgie-Theater, aber genau diese Art von liebevoller Erinnerung darf ein GTI haben. Ein GTI ist ja nie nur eine Leistungsstufe gewesen. Er war immer auch ein kleines kulturelles Versprechen: vernünftig genug für den Alltag, aber frech genug für den Umweg.
Besonders sympathisch finde ich, dass Volkswagen offenbar nicht versucht, aus dem kleinen Auto eine gläserne Lounge mit LED-Overkill zu machen. Es gibt moderne Displays, klar, aber sie übernehmen nicht die vollständige Herrschaft über das Auto. Es gibt Designzitate, aber sie wirken nicht wie billige Deko. Es gibt Technik, aber sie erschlägt nicht alles.
Und dann sind da diese Sitze.
In den Fahrberichten werden sie als fest gepolstert, seitenhaltstark und groß dimensioniert beschrieben. Die Sitzposition soll GTI-typisch passen, nicht zu hoch, nicht zu tief, sondern genau in jenem Bereich, in dem man sich nicht wie auf einem Küchenstuhl fühlt und trotzdem noch ordentlich aus dem Auto heraussehen kann.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Viele moderne Autos scheitern schon daran, dass man sich in ihnen nicht wirklich eingebunden fühlt. Man sitzt darin, aber man gehört nicht dazu. Beim ID. Polo GTI scheint das anders zu sein.
Alltag kann er offenbar auch
Der schöne Witz an einem GTI war immer, dass er nie nur Spielzeug war.
Ein GTI musste einkaufen können, pendeln können, parken können, Leute mitnehmen können und trotzdem auf der richtigen Straße kurz die Erwachsenenrolle vergessen. Genau deshalb waren die besten GTIs nie reine Sportgeräte. Sie waren Alltagsautos mit der Option zum Spaß haben.
Der ID. Polo GTI scheint diese Tradition ziemlich ernst zu nehmen. Volkswagen nennt 441 Liter Kofferraumvolumen, bei umgeklappter Rückbank bis zu 1.240 Liter. Die Passagiere sollen mehr Innenraum haben als im bisherigen Polo GTI mit Verbrenner, und sogar ein 1,92 Meter großer Fondpassagier wurde in einem Fahrbericht hinter einem ebenfalls 1,92 Meter großen Beifahrer untergebracht.
Das ist genau die Art praktischer Unspektakularität, die ich an kleinen Volkswagens mag, wenn sie gut gemacht sind.
Natürlich bleibt die Ladefrage. Der 52-kWh-Akku lädt laut VW mit bis zu 105 kW DC und soll von 10 auf 80 Prozent rund 24 Minuten brauchen. Das ist kein Rekordwert, aber VW betont eine konstante Ladekurve. Im Fahrbericht blieben nach einer rund 150 Kilometer langen, nicht gerade asketischen Runde noch 50 Prozent Akku übrig, und der Wagen lud dennoch mit 90 kW. Das ist für so ein Auto durchaus ordentlich.
Trotzdem bleibt die Ladeinfrastruktur das alte Elektro-Thema. Nicht unbedingt beim Auto selbst, sondern beim Drumherum. Ein guter kleiner Elektro-GTI kann noch so viel Spaß machen; wenn die Säule spinnt oder das Display in der Sonne nicht lesbar ist, landet man wieder in jener Realität, in der Elektromobilität manchmal weniger an Fahrzeugen als an Umständen scheitert.
Das sollte man dem Polo aber nicht anlasten.
Der Preis: unter 39.000 Euro
Volkswagen peilt für Deutschland einen Preis knapp unter 39.000 Euro an. Für einen Polo klingt das erst einmal nach einem guten Schluck aus der Sparschwein-Pulle.
Für einen elektrischen Hot Hatch mit 226 PS, Sperre, adaptivem Fahrwerk, 19-Zöllern, LED-Matrixlicht und der Ausstattungsliste ist es im heutigen Markt allerdings nicht abwegig.
Wenn man den ID. Polo GTI gegen elektrische Konkurrenten wie Alpine A290, Mini John Cooper Works Electric oder kommende sportliche Kleinwagen aus dem Stellantis-Universum betrachtet, ist er nicht billig, aber auch nicht teuer.
Warum dieser kleine GTI größer wirkt als er ist
Der ID. Polo GTI kommt für Volkswagen zu einem interessanten Zeitpunkt.
Gerade weil so viel über Krise, Kosten, China, Software und Vertrauen gesprochen wird, ist ein gelungenes Auto plötzlich mehr als nur ein gelungenes Auto. Es ist ein Signal.
Nicht im Sinne von: Ein kleiner Elektro-GTI rettet den Konzern. Das wäre albern. Volkswagen hat strukturelle Probleme, die kein einziger Kleinwagen lösen kann. Aber ein Auto wie der ID. Polo GTI kann zeigen, dass VW noch weiß, wie man ein Produkt emotional auflädt, ohne es mit falscher Futuristik zu ersticken.
Genau das ist wichtig.
Volkswagen braucht nicht nur Strategien, Plattformen, Kooperationen und Effizienzprogramme. Volkswagen braucht Autos, bei denen Menschen sagen: Den will ich haben. Nicht, weil die Präsentation gut war, nicht, weil der Shareholder-Call besser klingt. Sondern weil man einsteigt und denkt: Ja, das fühlt sich richtig an.
Der ID. Polo GTI scheint so ein Auto in der Breite werden zu können.
Ein kleiner Wagen mit echten Knöpfen, brauchbarem Raum, vernünftiger Reichweite, ordentlich Leistung, gutem Fahrwerk, Humor im Cockpit und einem GTI-Knopf, der nicht nur die Grafik rot färbt, sondern offenbar wirklich etwas mit dem Auto macht.
Eine kleine Liebeserklärung
Ich bin also tatsächlich ein bisschen schockverliebt, denn wenn man einmal alles beiseitelässt, was an neuen Autos oft nervt, bleibt hier etwas Bemerkenswertes übrig.
Ein elektrischer GTI, der nicht so tut, als müsse er die Welt neu erfinden. Ein kleiner Volkswagen, der nicht überdesignt wirkt. Ein Innenraum, der wieder verstanden hat, dass Finger Tasten mögen. Ein Fahrwerk, das nach echten Kurven klingt. Ein Sound, der zumindest versucht, nicht peinlich zu sein. Und ein Auto, das offenbar näher an den Fahrer rückt, als man es von vielen modernen Stromern gewohnt ist.
Vielleicht ist genau das die Pointe. Volkswagen muss nicht immer laut und ungefragt erklären, wie modern man jetzt ist. Manchmal reicht es, ein kleines Auto zu bauen, das sich wieder wie ein Auto anfühlt.
Der ID. Polo GTI könnte genau so ein Auto sein, und wenn ich mich schon in ein neues Elektroauto vergucke, dann darf man das ruhig als Ereignis werten.
Link zum Artikel: VW ID. Polo GTI: Schockverliebt in einen Elektro-GTI
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