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Elektromobilität & Batterien

Elon Musk, der größte Erfinder, der fast nichts erfunden hat

Elon Musk gilt als genialer Erfinder unserer Zeit. Doch Tesla existierte vor seinem Einstieg, PayPal entstand aus einer Fusion und selbst Elektroauto, wiederverwendbare Rakete, Satelliteninternet oder Brain-Computer-Interface haben lange Vorgeschichten. Was hat Musk also tatsächlich erfunden? Erstaunlich wenig – zumindest gemessen an dem, was ihm zugeschrieben wird. Seine eigentliche Leistung könnte allerdings noch interessanter sein.

Elon Musk der größte Erfinder der fast nichts erfunden hat
Elon Musk der größte Erfinder der fast nichts erfunden hat

Elon Musk gilt als Jahrhundert-Erfinder. Nur stammen erstaunlich viele der Ideen, Firmen und Technologien, die mit seinem Namen verbunden werden, gar nicht von ihm. Dieser Artikel macht seine Leistung nicht kleiner, aber vielleicht präziser.

Bei Elon Musk verschieben sich die Verben erstaunlich schnell. Aus „investierte in“ wird „gründete“, aus „führte“ wird „entwickelte“ und aus „machte erfolgreich“ irgendwann „erfand“. Am Ende steht in der öffentlichen Wahrnehmung ein Mann, der scheinbar gleichzeitig das Elektroauto, PayPal, die wiederverwendbare Rakete, Satelliteninternet, Hirnimplantate, den Hyperloop und nebenbei noch Twitter neu erfunden hat.

Das Problem an dieser Geschichte ist nicht, dass Elon Musk nichts geleistet hätte. Das wäre ebenso falsch wie die Legende vom allwissenden Erfinder. Musk hat Unternehmen aufgebaut, enorme finanzielle Risiken übernommen, Technologien gegen Widerstände industrialisiert und ganze Branchen unter Druck gesetzt. Er hat Entwicklungen beschleunigt, die ohne ihn möglicherweise langsamer verlaufen wären, und mehrfach bewiesen, dass er bereit ist, auf Ideen zu setzen, die andere für ökonomisch unsinnig hielten.

Nur ist das etwas anderes als Erfinden.

Und vielleicht wird Musk sogar interessanter, wenn man ihm den weißen Laborkittel auszieht, den ihm die Öffentlichkeit irgendwann angezogen hat.

Denn hinter der Figur des vermeintlichen Universal-Erfinders erscheint ein anderer Typ Unternehmer: einer, der Ideen erkennt, zuspitzt, kapitalisiert, dramatisiert und mit enormer Beharrlichkeit in eine industrielle Größenordnung zwingt. Das klingt weniger romantisch als „Genie erfindet Zukunft“, ist aber möglicherweise die sehr viel seltenere Fähigkeit.

Der Physiker, der keiner der klassischen Ingenieure ist

Musk besitzt durchaus einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Nach seinem Studium an der Queen’s University in Kanada wechselte er an die University of Pennsylvania und schloss dort sowohl ein Studium der Physik als auch ein wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Wharton School ab.

Das passt erstaunlich gut zu seiner späteren Karriere, denn Musk bewegt sich bis heute genau an dieser Schnittstelle: Er versteht genug Technik, um sich tief in Produkte einzumischen, denkt gleichzeitig aber beinahe immer in Märkten, Skalierung, Kapitalbedarf und industriellen Strukturen.

Ein klassisches Ingenieurstudium absolvierte er nicht. Ebenso wenig ist er ausgebildeter Fahrzeugingenieur, Raketenbauer oder Neurowissenschaftler. Das ist allerdings kein Argument gegen seine technische Kompetenz, sondern lediglich wichtig für die Einordnung. Musk ist kein Forscher, der sein Berufsleben im Labor verbracht und anschließend eine eigene Erfindung kommerzialisiert hat. Sein Weg verlief fast genau andersherum.

1995 begann er noch ein weiterführendes Studium in Stanford, verließ die Universität jedoch praktisch sofort wieder, weil das gerade entstehende Internet aus seiner Sicht die größere Gelegenheit bot.

Schon hier zeigt sich ein Muster, das später immer wieder auftauchen sollte: Musk wartet selten darauf, dass eine Technologie ausgereift ist. Er versucht, möglichst früh dort zu sein, wo aus einer Technologie ein Markt werden könnte.

Was Elon Musk tatsächlich gegründet hat

Die Behauptung, Musk habe eigentlich gar keine Unternehmen gegründet, wäre genauso unsauber wie die gegenteilige Legende. Seine Gründerbilanz ist erheblich.

Sein erstes wichtiges Unternehmen war 1995 Zip2, ein früher Internetdienst, der Medienunternehmen digitale Stadtführer, Karten und Brancheninformationen bereitstellte. Musk gründete das Unternehmen mit seinem Bruder Kimbal und frühen Partnern und programmierte in der Anfangsphase selbst mit. Compaq übernahm Zip2 1999 für rund 300 Millionen Dollar; Musk erhielt dadurch das Kapital für seinen nächsten Schritt.

Dieser Schritt hieß X.com.

Musk gründete das Unternehmen 1999 mit dem Ziel, Finanzdienstleistungen ins Internet zu bringen. Das war für die damalige Zeit tatsächlich visionär. Onlinebanking, digitale Zahlung und eine Art universelles Finanzkonto sollten zusammengeführt werden.

Auch SpaceX ist eindeutig eine Musk-Gründung. Er gründete das Unternehmen 2002 mit dem Ziel, Raketenstarts drastisch billiger zu machen und langfristig interplanetare Raumfahrt zu ermöglichen.

Später folgten unter anderem The Boring Company, xAI und gemeinsam mit anderen Gründern Neuralink. Auch bei OpenAI gehörte Musk 2015 zur ursprünglichen Gründer- und Finanzierergruppe, bevor sich seine Wege und die des Unternehmens später trennten.

Musk ist also ohne Zweifel Gründer.

Nur eben nicht immer dort, wo die öffentliche Erzählung ihn dazu gemacht hat.

PayPal: Musk gründete X.com, nicht das PayPal-Produkt

Kaum eine Geschichte zeigt diese Verschiebung besser als PayPal.

In Kurzbiografien liest man häufig, Musk habe PayPal gegründet und anschließend an eBay verkauft. Das ist bequem, aber historisch nur teilweise richtig.

Musk gründete X.com, während parallel das Unternehmen Confinity existierte. Dort arbeiteten unter anderem Max Levchin, Peter Thiel und Luke Nosek an digitalen Zahlungssystemen. Aus diesem Umfeld entstand das Produkt PayPal.

Im Jahr 2000 fusionierten X.com und Confinity. Das gemeinsame Unternehmen konzentrierte sich anschließend zunehmend auf das erfolgreiche PayPal-System und benannte sich schließlich selbst in PayPal um.

Musk spielte in dieser Unternehmensgeschichte eine wichtige Rolle, er war Kapitalgeber, Gründer von X.com, zeitweise CEO des fusionierten Unternehmens und später bedeutender Anteilseigner. Das PayPal-Produkt selbst war jedoch keine Erfindung Elon Musks.

Der Satz „Elon Musk gründete PayPal“ ist deshalb ungefähr so präzise wie die Behauptung, jemand habe ein Restaurant gegründet, weil sein Restaurant später mit einem anderen fusionierte und dessen Namen übernahm.

Völlig falsch ist die Behauptung nicht, vollständig richtig aber eben auch nicht.

Tesla: Das Unternehmen war schon da, bevor Musk kam

Noch deutlicher wird es bei Tesla, denn hier lässt sich die Geschichte beinahe auf ein Datum reduzieren.

Tesla Motors wurde 2003 von Martin Eberhard und Marc Tarpenning gegründet.

Elon Musk kam 2004 hinzu.

Er führte eine große Finanzierungsrunde an, investierte selbst erheblich und wurde Chairman des Unternehmens. Später übernahm er zunehmend Einfluss auf Produkte und Strategie, bevor er 2008 schließlich CEO wurde.

Heute darf Musk sich dennoch offiziell als Tesla-Mitgründer bezeichnen. Nach einem Rechtsstreit wurde 2009 vereinbart, dass fünf Personen – Martin Eberhard, Marc Tarpenning, Ian Wright, JB Straubel und Elon Musk – den Titel „Co-Founder“ führen dürfen.

Juristisch und unternehmensintern ist diese Bezeichnung damit legitim.

Historisch ändert sie jedoch nichts daran, dass Tesla bereits existierte, als Musk einstieg.

Das schmälert seine spätere Rolle keineswegs. Im Gegenteil: Musk verwandelte ein kleines Elektroauto-Start-up in einen globalen Automobilkonzern, organisierte Milliarden an Kapital, trieb Fabrikaufbau, Batterietechnik und Produktionsskalierung voran und setzte ein Produktverständnis durch, mit dem Tesla die Autoindustrie tatsächlich verändert hat.

Nur hat er Tesla eben nicht ursprünglich gegründet.

Und das Elektroauto erfand er erst recht nicht.

Das Elektroauto ist älter als das Automobilzeitalter

Elektrische Fahrzeuge existierten bereits im 19. Jahrhundert. Um 1900 konkurrierten Elektroautos zeitweise ernsthaft mit Dampf- und Benzinfahrzeugen. Batteriebetriebene Fahrzeuge sind deshalb keine Musk-Idee und nicht einmal eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Auch moderne elektrische Antriebe, Leistungselektronik oder Lithium-Ionen-Batterien entstanden nicht bei Tesla.

Was Tesla unter Musk allerdings gelang, war etwas anderes: Das Unternehmen löste das Elektroauto aus seinem jahrzehntelangen Image als langsames Vernunftfahrzeug und stellte zunächst einen Sportwagen auf die Straße, der Elektromobilität mit Beschleunigung, Design und technologischem Prestige verband.

Diese strategische Umkehr war entscheidend.

Tesla sagte nicht: „Dieses Auto ist vernünftig, obwohl es elektrisch fährt.“

Die Botschaft lautete vielmehr: „Dieses Auto ist begehrenswert, weil es elektrisch fährt.“

Das ist keine Erfindung des Elektromotors. Es ist eine Erfindung des Marktes um ihn herum.

Selbst der erste Tesla Roadster war nicht einfach „Musks Auto“

Auch beim ursprünglichen Tesla Roadster lohnt sich Genauigkeit.

Das Konzept eines elektrischen Sportwagens entstand bereits im jungen Tesla-Team um Eberhard, Tarpenning und weitere frühe Mitarbeiter. Grundlage des Fahrzeugs war zudem eine stark angepasste Plattform aus dem Lotus-Umfeld. Musk beeinflusste später zahlreiche Entscheidungen, investierte das entscheidende Kapital und trieb das Projekt öffentlich voran, doch auch hier lautet die Geschichte nicht: Elon Musk setzte sich hin und erfand einen elektrischen Sportwagen.

Sie lautet vielmehr: Ein vorhandenes Unternehmen mit einer vorhandenen Produktidee bekam durch Musk Kapital, Richtung, Druck und schließlich eine industrielle Perspektive.

Dieser Unterschied zieht sich durch seine gesamte Karriere.

SpaceX: Hier beginnt Musks stärkstes Argument

Bei SpaceX wird die Sache komplizierter, weil Musk das Unternehmen tatsächlich selbst gegründet hat und technisch sehr tief in dessen Entwicklung eingebunden war.

Trotzdem erfand auch SpaceX weder die Rakete noch die Idee der Wiederverwendbarkeit.

Das Space Shuttle verwendete bereits wiederverwendbare Komponenten, und vertikal startende und landende Versuchssysteme wurden Jahrzehnte vor Falcon 9 erprobt. Besonders bekannt ist das amerikanische Versuchsprogramm DC-X aus den 1990er-Jahren, dessen Raketenprototypen senkrecht starteten und wieder senkrecht landeten.

Wenn man daraus allerdings schließt, SpaceX habe lediglich alte Ideen kopiert, unterschätzt man die Leistung genauso grob wie auf der anderen Seite.

Entscheidend war nicht, dass jemand irgendwann bewiesen hatte, dass eine Rakete senkrecht landen kann. Entscheidend war, daraus ein robustes kommerzielles System zu machen, bei dem orbital eingesetzte Booster regelmäßig zurückkehren, aufbereitet werden und erneut fliegen.

Zwischen „technisch schon einmal demonstriert“ und „industriell zuverlässig eingesetzt“ liegt manchmal der schwierigste Teil einer Innovation.

Und genau in dieser Lücke ist Musk besonders stark.

Dasselbe Muster zeigt sich bei Starlink.

Satellitenkommunikation gab es lange vor Musk, und auch Internetzugänge über Satellit sind keineswegs eine SpaceX-Erfindung. Unternehmen boten solche Dienste bereits an, bevor Starlink überhaupt geplant wurde.

Neu war vielmehr die Größenordnung: Tausende relativ kleine Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn sollten gemeinsam ein weltweites Datennetz bilden, während SpaceX durch seine eigenen Raketen einen entscheidenden Teil der Startkosten kontrollieren konnte.

Auch hier lautet die richtige Beschreibung deshalb nicht, Musk habe Satelliteninternet erfunden.

Er hat eine bereits existierende Idee radikal skaliert.

Bei Neuralink wird Musk besonders häufig zum Wissenschaftler stilisiert. Die Vorstellung klingt schließlich wie Science-Fiction: Elektroden im Gehirn, Gedanken steuern Computer, gelähmte Menschen bedienen Geräte allein über neuronale Signale.

Nur existiert das Forschungsgebiet der Brain-Computer Interfaces seit Jahrzehnten.

Neurowissenschaftler experimentierten lange vor Neuralink mit implantierten Elektroden und der Übersetzung neuronaler Signale in Computerbefehle. Auch Menschen konnten bereits vor Gründung von Neuralink über Gehirnsignale Cursor oder technische Systeme steuern.

Musk gründete Neuralink gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlern und Ingenieuren und brachte erneut etwas ein, das seine Karriere prägt: Kapital, öffentliche Aufmerksamkeit, hohen Zeitdruck und einen ungewöhnlich ambitionierten Skalierungsanspruch.

Die Neurowissenschaft stammt nicht von ihm.

Der Versuch, aus dieser Wissenschaft ein industrielles Produkt zu machen, sehr wohl.

Hyperloop: Zukunftsidee mit sehr alter Vergangenheit

Der Hyperloop ist vielleicht das schönste Beispiel dafür, wie schnell eine alte Idee durch einen prominenten Namen plötzlich wie eine neue Erfindung aussehen kann.

2013 veröffentlichte Musk sein Hyperloop-Konzept: Kapseln sollten mit hoher Geschwindigkeit durch Röhren mit stark reduziertem Luftdruck reisen.

Futuristisch klingt das bis heute.

Neu war das Grundprinzip allerdings nicht. Ideen für pneumatische Bahnen, Vakuumröhren und extrem schnelle Transportkapseln reichen weit ins 19. und 20. Jahrhundert zurück.

Musks Verdienst bestand hier vor allem darin, eine alte technische Idee in moderner Form neu zu formulieren und weltweit enorme Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Man könnte auch sagen: Selbst Ideen können ein Rebranding bekommen.

SolarCity: Musk war wichtig, aber nicht der Gründer

Auch SolarCity wird häufig gedanklich Musk zugerechnet, obwohl das Unternehmen 2006 von seinen Cousins Lyndon und Peter Rive gegründet wurde.

Musk gehörte zu den wichtigsten frühen Unterstützern, investierte, war Chairman und spielte strategisch eine bedeutende Rolle. Später übernahm Tesla SolarCity.

Wieder sehen wir dasselbe Muster: Musk steht so zentral in der Geschichte eines Unternehmens, dass irgendwann aus Beteiligung und Führung in der Erinnerung Gründung wird.

Die Vergangenheit wird im Nachhinein auf eine einzelne Person zugespitzt.

Twitter: kaufen ist nicht gründen

Bei Twitter beziehungsweise X dürfte die Sache eigentlich eindeutig sein.

Twitter existierte seit 2006, Musk kaufte das Unternehmen 2022 für rund 44 Milliarden Dollar und benannte es später in X um.

Er hat Twitter weder erfunden noch gegründet.

Man kann über den Umbau von X streiten, seine Strategie bewundern oder für katastrophal halten, doch historisch bleibt die Sache einfach: Musk kaufte ein bestehendes soziales Netzwerk.

Dass inzwischen selbst X gelegentlich wie eine seiner Gründungen behandelt wird, zeigt vielleicht am besten, wie stark die Person Musk inzwischen ihre Unternehmen überstrahlt.

Der Musk-Check

Was häufig erzählt wirdWas tatsächlich zutrifft
Musk gründete TeslaTesla wurde 2003 von Martin Eberhard und Marc Tarpenning gegründet; Musk kam 2004 als Investor und Chairman hinzu und darf seit einer späteren Einigung offiziell den Titel Co-Founder führen.
Musk erfand das ElektroautoElektroautos existierten mehr als 100 Jahre vor Tesla.
Musk gründete PayPalMusk gründete X.com; das PayPal-Produkt entstand bei Confinity. Erst nach der Fusion wurde das gemeinsame Unternehmen zu PayPal.
Musk erfand Online-BezahlenDigitale Zahlungssysteme existierten bereits; seine Leistung lag bei X.com vor allem in der frühen Vision einer umfassenden Internet-Finanzplattform.
Musk erfand wiederverwendbare RaketenWiederverwendbarkeit und Vertikallandung wurden lange vorher verfolgt. SpaceX machte die Rückkehr und Wiederverwendung orbital eingesetzter Booster jedoch wirtschaftlich und routinemäßig nutzbar.
Musk erfand SatelliteninternetSatelliteninternet existierte vorher. Starlink skalierte die Idee mit einer riesigen LEO-Konstellation.
Musk erfand Brain-Computer InterfacesDas Forschungsfeld ist Jahrzehnte älter als Neuralink.
Musk erfand den HyperloopKonzepte für Transport in Vakuum- oder Niederdruckröhren existierten lange vorher.
Musk gründete SolarCitySolarCity wurde von Lyndon und Peter Rive gegründet; Musk war wichtiger Unterstützer, Investor und Chairman.
Musk gründete Twitter/XMusk kaufte Twitter 2022 und baute es anschließend zu X um.

Und plötzlich bleibt von dem vermeintlichen Universal-Erfinder erstaunlich wenig übrig.

Von Elon Musk bleibt allerdings erstaunlich viel.

Vielleicht benutzen wir einfach das falsche Wort

Wir lieben Erfinder.

Edison, Benz, Diesel, Bell – Geschichte lässt sich wunderbar erzählen, wenn ein Mensch, eine Werkbank und eine Idee zusammenpassen. Mit moderner Technologie funktioniert dieses Bild immer schlechter.

Niemand „erfindet“ heute allein ein Elektroauto, eine Rakete oder ein neuronales Implantat. Tausende Ingenieure, Wissenschaftler, Programmierer, Lieferanten und Produktionsexperten entwickeln gemeinsam Systeme, deren Komplexität weit über das hinausgeht, was ein einzelner Mensch beherrschen könnte.

Bei Musk wird diese kollektive Entwicklung trotzdem auffällig häufig auf eine Person reduziert.

Das liegt zum Teil an ihm selbst. Musk kommuniziert seine Unternehmen extrem personenzentriert, tritt als technischer Erklärer auf, kommentiert Designentscheidungen und setzt sich bewusst ins Zentrum seiner Projekte.

Zum Teil liegt es aber auch an uns.

Eine Geschichte über 8.000 Ingenieure ist kompliziert.

Eine Geschichte über einen genialen Milliardär, der Raketen baut, ist wunderbar einfach.

Der Visionär ist möglicherweise beeindruckender als der Erfinder

Vielleicht tut man Musk sogar einen Gefallen, wenn man aufhört, ihn zum Erfinder zu erklären.

Denn seine eigentliche Leistung ist ungewöhnlich genug.

Er erkennt Technologien häufig nicht als das, was sie gerade sind, sondern als das, was sie in zehn oder zwanzig Jahren sein könnten. Anschließend ist er bereit, enorme Summen, seinen Ruf und teilweise die Existenz seiner Unternehmen darauf zu setzen.

Das geschah beim Elektroauto.

Es geschah bei privaten Raketen.

Es geschah beim Satellitennetz.

Und es geschieht gerade wieder bei künstlicher Intelligenz und Neurotechnologie.

Musk ist deshalb möglicherweise weniger Thomas Edison als Henry Ford.

Auch Ford erfand das Automobil nicht und erfand streng genommen nicht einmal das Fließband. Seine historische Leistung bestand darin, bestehende Ideen so miteinander zu verbinden und so kompromisslos zu industrialisieren, dass daraus ein vollkommen neuer Markt entstand.

Dieser Vergleich passt erstaunlich gut.

Zwischen Erfindung und Innovation liegt eine ganze Fabrik

Unsere Vorstellung von Innovation ist häufig zu romantisch. Wir denken an den Moment, in dem jemand eine Glühbirne zum Leuchten bringt oder auf einer Serviette eine neue Maschine skizziert.

In der Industrie beginnt danach jedoch erst der schwierige Teil.

Eine Batterie im Labor zu bauen ist eine Sache, Millionen Batterien zuverlässig und bezahlbar in Autos einzubauen eine andere. Eine Rakete einmal landen zu lassen ist spektakulär, ein System zu schaffen, das regelmäßig startet, landet, geprüft und wieder gestartet wird, verändert einen Markt. Ein neuronales Signal auf einem Bildschirm sichtbar zu machen ist Forschung; daraus irgendwann ein medizinisch nutzbares Produkt zu entwickeln wäre Industrie.

Musk arbeitet auffällig häufig genau in diesem Zwischenraum.

Er ist nicht der Mann, der das Rohmaterial der Idee entdeckt.

Er ist der Mann, der fragt, warum daraus noch niemand eine Fabrik gebaut hat.

Fazit

Vielleicht ist Elon Musk tatsächlich der größte Erfinder unserer Zeit, der erstaunlich wenig von dem erfunden hat, was ihm zugeschrieben wird.

Tesla gab es vor ihm. PayPal als Produkt entstand bei anderen. Das Elektroauto ist älter als jeder heute lebende Mensch. Wiederverwendbare Raketen, Satelliteninternet, Gehirn-Computer-Schnittstellen und sogar Röhrenzüge haben Vorgeschichten, die teilweise Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückreichen.

Man könnte daraus eine Entzauberung machen. Ich finde die andere Schlussfolgerung spannender.

Vielleicht haben wir Musk einfach jahrelang mit dem falschen Beruf beschrieben.

Sein außergewöhnliches Talent scheint weniger darin zu liegen, etwas vollkommen Neues zu erfinden, als darin, eine vorhandene Idee früher als andere ernst zu nehmen, sie größer zu denken, Geld darauf zu setzen und anschließend so lange auf Ingenieure, Fabriken und Märkte einzuwirken, bis aus einer technischen Möglichkeit ein industrielles Produkt geworden ist.

Das ist keine Kleinigkeit und auch kein Trostpreis für jemanden, der kein Edison ist. Im Gegenteil, möglicherweise ist genau diese Fähigkeit in einer Zeit hochkomplexer Technologien wertvoller als der einsame Geistesblitz.

Elon Musk hat das Elektroauto nicht erfunden.

Er hat dafür gesorgt, dass Mercedes, BMW, Volkswagen, Toyota und praktisch jeder andere große Hersteller es nicht mehr ignorieren konnten.

Er hat die wiederverwendbare Rakete nicht erfunden, aber SpaceX hat gezeigt, dass Wiederverwendbarkeit nicht nur in einem Forschungsprogramm funktioniert.

Er hat Satelliteninternet nicht erfunden, aber Starlink hat daraus ein Netz mit globaler Bedeutung gemacht.

Vielleicht liegt darin der Kern seiner Karriere: Musk erfindet erstaunlich selten die Idee.

Er erfindet den Moment, in dem plötzlich alle anderen sie ernst nehmen müssen.

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