Autogeschichten, Folge 18: Eigentlich wollte ich heute über den Mercedes FCC schreiben. Dann stolperte ich über einen Porsche C88, der so wenig nach Porsche aussieht, dass ihm sogar das Porsche-Wappen fehlt. Also bekommt der Mercedes noch einen Tag frei und wir kümmern uns erst einmal um den C88, Porsches beinahe vergessenes Volksauto für China.
Manchmal beginnt eine Autogeschichte damit, dass man nach einem bestimmten Auto sucht und bei einem völlig anderen hängen bleibt. Genau so ist es mir diesmal gegangen. Eigentlich wollte ich wissen, was aus dem Mercedes FCC geworden ist, jenem 1994 für China entwickelten Familienauto, dessen Konzept später zumindest optisch erstaunlich nah an die erste A-Klasse heranrückte.
Dann tauchte in derselben Geschichte plötzlich Porsche auf.
Nicht mit einem 911, nicht mit einem Rennwagen und auch nicht mit irgendeiner Studie, die schon im Stand 300 km/h aussieht. Sondern mit einer kleinen viertürigen Stufenhecklimousine, Frontantrieb, schmalen Reifen, Stahlrädern und einem Motor, dessen Leistungsdaten vermutlich selbst einen damaligen Golf-Fahrer nicht nervös gemacht hätten.
Porsche C88 hieß das Ding und spätestens an diesem Punkt war der Mercedes für heute erledigt.
China sucht sein Familienauto
Um den C88 zu verstehen, muss man sich kurz in das China des Jahres 1994 versetzen. Der chinesische Automarkt befand sich noch in einer völlig anderen Entwicklungsphase als heute. Private Motorisierung war längst nicht selbstverständlich, gleichzeitig war absehbar, welche gewaltige Nachfrage entstehen könnte, wenn ein erschwingliches Familienauto für breite Bevölkerungsschichten verfügbar würde.
Die chinesische Regierung lud deshalb internationale Automobilhersteller ein, Konzepte für ein solches Fahrzeug zu entwickeln. Rund 20 Hersteller sollen angesprochen beziehungsweise beteiligt gewesen sein, darunter Mercedes-Benz, Fiat, Ford, Opel und Porsche. Gesucht wurde kein Luxusauto, sondern ein preiswertes, zuverlässiges, sicheres und möglichst einfach in China produzierbares Familienfahrzeug. Porsche präsentierte seine Antwort im November 1994 beim International Family Car Congress in Peking.
Dass ausgerechnet Porsche bei einem Wettbewerb um ein günstiges Volksauto mitmachte, wirkt nur dann absurd, wenn man Porsche ausschließlich als Sportwagenhersteller betrachtet. Das Unternehmen war ursprünglich ein Konstruktionsbüro und verdiente über Jahrzehnte auch mit Entwicklungsarbeiten für andere Hersteller sein Geld. Porsche Engineering erinnert selbst an Projekte vom Volkswagen über den TAG-Turbomotor für McLaren bis zur Mitarbeit am Mercedes-Benz 500 E. Die Entwicklung eines völlig markenfremden Familienautos war deshalb weniger exotisch, als das fertige Ergebnis heute vermuten lässt.
Und Porsche nahm die Aufgabe ausgesprochen ernst.
Vier Monate für ein Auto
Gerade einmal vier Monate benötigte Porsche Engineering nach eigenen Angaben für das C88-Konzept. Dabei arbeitete das Team nicht einfach von Weissach aus nach einer europäischen Vorstellung davon, was chinesische Familien wohl brauchen könnten. Porsche sprach mit chinesischen Experten und Journalisten und band einen Techniker sowie einen Designer aus China direkt in die Entwicklung ein.
Das Ergebnis war äußerlich ungefähr das Gegenteil dessen, was wir normalerweise mit Porsche verbinden. Der C88 war rund vier Meter lang, schmal, hoch, sachlich und möglichst unkompliziert gestaltet. Keine ausgestellten Kotflügel, keine dramatische Schulterlinie, kein Sportwagen-Zitat, das dem Betrachter zuflüstert, aus welchem Stall das Auto kommt.
Wenn man heute davorsteht, könnte man ihn für irgendeine vergessene koreanische, japanische oder osteuropäische Kompaktlimousine der frühen Neunziger halten. Manche vergleichen ihn rückblickend mit dem erst zehn Jahre später erschienenen Dacia Logan, und ganz falsch ist die Assoziation nicht. Der C88 hatte denselben pragmatischen Ansatz: Platz, einfache Technik, niedrige Kosten und möglichst wenig dekorativen Ballast.
Genau deshalb ist das Auto so interessant. Porsche versuchte hier nicht, ein billiges Auto wie einen kleinen Porsche aussehen zu lassen. Die Entwickler ließen die eigene Marke optisch nahezu vollständig verschwinden.
Nicht einmal das Porsche-Wappen durfte mit
Auf dem C88 findet sich kein klassisches Porsche-Wappen. Stattdessen entwickelte man ein eigenes Zeichen aus drei Kreisen.
Auch das war kein Zufall. Nach der offiziellen Darstellung von Porsche Engineering sollten die drei Kreise die damalige chinesische Ein-Kind-Politik symbolisieren: zwei Eltern und ein Kind. Selbst die Gestaltung des Innenraums wurde auf dieses Familienbild abgestimmt. Ein eigens ausgeführter Kindersitz fügte sich mit passendem Bezug in die Rückbank ein.
Der Name war genauso sorgfältig gewählt. Das „C“ stand laut Porsche für China, die „88“ spielte auf die besondere Bedeutung der Acht als Glückszahl in der chinesischen Kultur an.
Heute wirkt diese Anpassung an die staatlich propagierte Familienstruktur zumindest befremdlich. 1994 war sie Bestandteil eines Projekts, bei dem ein europäischer Hersteller möglichst genau zeigen wollte, dass er die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vorgaben des chinesischen Auftraggebers verstanden hatte.
Der C88 war damit nicht einfach nur ein Auto für China. Er war ein Auto, das beweisen sollte, wie chinesisch Porsche denken konnte.
Eigentlich gab es nicht nur einen C88
Auch technisch lohnt sich genaueres Hinsehen, weil die Angaben über den C88 in vielen Rückblicken durcheinandergeraten. Porsche plante nämlich nicht lediglich eine einzige Ausführung, sondern eine kleine Modellfamilie mit drei Varianten.
Die günstigste Version sollte ein viersitziger Zweitürer mit 35 kW, also rund 48 PS, und Vierganggetriebe werden. Porsche kalkulierte einen Preis von etwa 45.000 Renminbi. Darüber sollte eine größere Standardversion mit derselben Motorisierung für ungefähr 60.000 bis 65.000 Renminbi stehen.
An der Spitze war eine geräumigere viertürige Variante vorgesehen. Sie sollte 50 kW, also rund 68 PS, leisten, ein Fünfganggetriebe besitzen und etwa 80.000 Renminbi kosten. Eine Viergangautomatik war als Sonderausstattung vorgesehen.
Damit erklärt sich auch, warum ältere Artikel teilweise unterschiedliche Leistungs- und Getriebeangaben nennen. Sie beziehen sich nicht immer auf dieselbe geplante Version.
Und noch etwas ist wichtig: Der Motor war kein Boxer, wie gelegentlich zu lesen ist. Porsche plante einen konventionellen Vierzylinder. Beim bekannten viertürigen C88 werden in zeitgenössischen beziehungsweise später dokumentierten technischen Angaben rund 1,1 Liter Hubraum, Frontantrieb, etwa 67 bis 68 PS und ein Fünfgang-Schaltgetriebe genannt. Rund 160 bis 165 km/h Höchstgeschwindigkeit und ungefähr 16 Sekunden von null auf 100 km/h zeigen ziemlich eindeutig, dass Porsche hier nicht heimlich einen 911 für Familien bauen wollte.
Das Ziel hieß nicht Fahrspaß, es hieß bezahlbare Mobilität.
Vielleicht ist genau das besonders Porsche
Aus heutiger Sicht könnte man sich über diese technischen Daten leicht lustig machen. Ein Porsche mit knapp 70 PS, Frontantrieb und Stahlfelgen besitzt natürlich einen gewissen Unterhaltungswert.
Man würde dem Projekt damit aber nicht gerecht.
Denn gerade der C88 zeigt eine Seite von Porsche, die neben 911, 959 und Motorsport gerne vergessen wird. Das Unternehmen konnte nicht nur schnelle Autos entwickeln, sondern auch technische Aufgaben lösen, bei denen ein komplett anderes Lastenheft galt. Beim C88 standen einfache Fertigung, gute Raumausnutzung, Qualität, Sicherheit und niedrige Kosten im Vordergrund. Porsche selbst beschreibt einen langen Radstand, kurze Überhänge, 15-Zoll-Stahlräder und eine bewusst unkomplizierte Konstruktion als zentrale Merkmale.
Das vielleicht Beeindruckendste daran ist deshalb nicht irgendein technisches Einzelmerkmal. Es sind die vier Monate.
Innerhalb dieser Zeit entwickelte Porsche nicht nur eine hübsche Messeattrappe, sondern ein Konzept für drei Marktversionen samt Motorisierung, Ausstattung, Fertigungsüberlegungen und Preispositionierung.
Für einen Hersteller, dessen Ruf heute fast vollständig über Sportwagen definiert wird, ist das eine ziemlich schöne Erinnerung daran, dass Ingenieurskunst nicht immer darin besteht, das Schnellste zu bauen.
Manchmal besteht sie darin, mit wenig möglichst viel zu erreichen.
Und der Porsche-Chef lernte dafür sogar Mandarin
Wie wichtig Porsche das Projekt nahm, zeigt eine kleine Geschichte, die erstaunlicherweise nicht nur als hübsche Legende überliefert ist. Wendelin Wiedeking, damals Porsche-Chef und mitten im wirtschaftlichen Wiederaufbau des Unternehmens, reiste selbst zur Präsentation nach Peking.
Dort hielt er seine Präsentation auf Mandarin beziehungsweise hatte seine Rede dafür einstudiert. Auch eine Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie führt diesen Auftritt als Zeichen dafür an, wie ernst Porsche die Chancen auf dem chinesischen Markt nahm.
Man muss sich die Szene einmal vorstellen: Der Chef eines deutschen Sportwagenherstellers steht 1994 in Peking und präsentiert auf Mandarin eine knapp 70 PS starke Familienlimousine ohne Porsche-Wappen.
Autogeschichte kann schon ziemlich wunderbar sein.
Nur China wollte am Ende keinen davon
Die große Zukunft des C88 dauerte allerdings nicht lange.
Die chinesische Regierung vergab letztlich keinen Serienauftrag. Das Family-Car-Projekt wurde beendet, und nicht nur Porsche ging leer aus. Auch die Konzepte der anderen internationalen Hersteller kamen in diesem Rahmen nicht zur geplanten Großserienproduktion. Porsche Engineering formuliert es heute ziemlich nüchtern: Weder Porsche noch einer der anderen Bewerber kam zum Zug.
Es existieren immer wieder Geschichten, wonach chinesische Hersteller später Ideen oder Gestaltungselemente aus den eingereichten Konzepten übernommen hätten. Belege für einen systematischen Technologietransfer oder gar einen konkreten Diebstahl des C88-Konzepts sind allerdings deutlich dünner als die Legende. Deshalb sollte man diese Geschichte auch genau dort lassen, wo sie hingehört: bei den Anekdoten.
Porsche soll anschließend noch versucht haben, das Konzept in Indien unterzubringen. Auch daraus wurde nichts. Der C88 blieb ein Einzelstück.
Vom chinesischen Volkswagen direkt ins Porsche-Museum
Damit endete eine Autokarriere, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Der einzige realisierte C88 steht heute im Porsche-Museum in Stuttgart. Zwischen Sportwagen, Rennwagen und technischen Meilensteinen wirkt diese türkisblaue Stufenhecklimousine fast wie jemand, der auf der falschen Veranstaltung gelandet ist. Porsche selbst führt den C88 inzwischen ganz selbstverständlich als Teil seiner Entwicklungsgeschichte und als Ausgangspunkt einer inzwischen mehr als 30-jährigen Engineering-Präsenz in China.
Vielleicht ist genau das der schönste Platz für dieses Auto.
Denn der C88 war kein gescheiterter Porsche im klassischen Sinn. Er war ein Entwicklungsauftrag, der nie zur Produktion führte. Trotzdem zeigt er etwas über die Marke, das ein weiterer 911-Prototyp kaum so deutlich erzählen könnte.
Porsche konnte 1994 eben nicht nur schnell, teuer und sportlich.
Porsche konnte offenbar auch Volksauto.
Und morgen schauen wir uns dann den Mercedes FCC an, wegen dem diese ganze Geschichte überhaupt erst angefangen hat.
Porsche C88, Fazit:
Ich mag solche Autos, gerade weil sie nicht in die bekannten Geschichten passen. Ein 911 Turbo überrascht niemanden, wenn er schnell ist. Ein Porsche C88 überrascht schon dadurch, dass er überhaupt existiert.
Vielleicht erzählt er deshalb mehr über Porsche als mancher Supersportwagen.
Denn ein wirklich gutes Entwicklungsunternehmen erkennt man nicht daran, dass es dieselbe Aufgabe immer wieder besonders gut löst. Interessanter wird es dort, wo plötzlich das Gegenteil verlangt wird. Statt Leistung zählt Verbrauch, statt Markenimage der Preis, statt breiter Reifen einfache Produktion und statt Sportwagenkunde eine junge chinesische Familie, die vielleicht zum ersten Mal überhaupt ein eigenes Auto kaufen soll.
Porsche konnte dafür innerhalb von vier Monaten offensichtlich sämtliche Gewohnheiten beiseiteschieben und ein Fahrzeug entwickeln, das kaum noch irgendeine sichtbare Verbindung nach Zuffenhausen hatte.
Dass daraus am Ende nichts wurde, macht die Geschichte fast noch besser. Der C88 musste nie beweisen, ob er tatsächlich Millionen chinesische Familien zuverlässig durch den Alltag gebracht hätte. Er durfte direkt ins Museum fahren und dort zu einem dieser wunderbaren automobilen Was-wäre-wenn-Momente werden.
Und ganz ehrlich: Ein Porsche mit 68 PS, Frontantrieb, Stahlfelgen und einem Familienlogo aus drei Kreisen verdient dort mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie der nächste Monster-Elfer.
Link zum Artikel: Porsche C88 – Was aus ihm wurde.
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