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Autoindustrie & Markt

Mercedes FCC und was aus ihm wurde.

Der Mercedes FCC von 1994 sieht aus wie eine A-Klasse, die drei Jahre zu früh auf die Welt gekommen ist. Tatsächlich ist die Verbindung noch enger: Beim Bau des chinesischen Familienautos wurde bereits ein Chassis aus der laufenden A-Klasse-Entwicklung verwendet. Nur die beliebte Geschichte, der FCC sei später einfach zur A-Klasse geworden, stimmt so nicht.

Mercedes FCC und was aus ihm wurde.
Mercedes FCC und was aus ihm wurde.

Autogeschichten, Folge 19: Gestern hat uns der Porsche C88 vom eigentlichen Thema abgebracht. Heute bekommt der Mercedes FCC endlich seinen Auftritt.
Und bei ihm stellt sich eine ziemlich spannende Frage: War das schon die A-Klasse, bevor es die A-Klasse überhaupt gab?

Eigentlich wollte ich diese Geschichte schon gestern erzählen. Dann tauchte bei der Recherche plötzlich der Porsche C88 auf, dieses wunderbar unporschige Familienauto für China, und der Mercedes musste einen Tag warten.

Jetzt ist er dran.

Der Mercedes FCC von 1994 sieht auf den ersten Blick erstaunlich vertraut aus. Hohe Karosserie, kurze Überhänge, große Fensterflächen und viel Innenraum auf sehr wenig Außenlänge. Wer eine A-Klasse der ersten Generation kennt, braucht nicht besonders viel Fantasie, um eine Verwandtschaft zu erkennen.

Nur ist die Geschichte etwas komplizierter, als sie auf den ersten Blick aussieht.

Denn der FCC war nicht der Vater der A-Klasse.

Er war eher ihr chinesischer Cousin.

China wollte das Familienauto der Zukunft

1994 suchte China nach einem erschwinglichen Familienauto für die beginnende private Massenmotorisierung. Internationale Hersteller wurden eingeladen, Konzepte für ein kleines, sauberes und bezahlbares Fahrzeug vorzulegen, das fünf Personen transportieren und perspektivisch in China produziert werden konnte. Rund 20 Hersteller sollen angesprochen worden sein. Zu den tatsächlich dokumentierten Teilnehmern gehörten unter anderem Mercedes-Benz, Porsche, Fiat, Ford, Mitsubishi, Opel und Chrysler.

Mercedes nannte seinen Beitrag ziemlich nüchtern FCC, also „Family Car China“.

Im November 1994 wurde das Fahrzeug bei der Familienauto-Ausstellung beziehungsweise dem International Family Car Congress in Peking gezeigt. Das war dieselbe chinesische Initiative, für die Porsche den C88 entwickelte. Einen Gewinner gab es am Ende allerdings nicht. Das gesamte Projekt wurde später beendet, ohne dass eines der internationalen Konzepte den ursprünglich erwarteten Serienauftrag erhielt.

Dabei war der Mercedes deutlich mehr als eine schnell zusammengebaute Messestudie.

3,56 Meter Auto und trotzdem Platz wie in einer größeren Limousine

Der FCC war nur 3,56 Meter lang. Trotzdem sollte er fünf Personen Platz bieten und im Innenraum Raumverhältnisse erreichen, die Mercedes damals mit einer deutlich größeren Limousine verglich.

Das funktionierte durch eine für 1994 ausgesprochen ungewöhnliche Grundform. Die Karosserie war als One-Box-Konzept angelegt. Motorraum und Fahrgastzelle gingen optisch stark ineinander über, die Überhänge blieben kurz und die Passagiere saßen vergleichsweise hoch.

Heute wirkt diese Bauweise vollkommen normal. Damals war sie für einen Mercedes ziemlich radikal.

Unter der Haube beziehungsweise teilweise darunter war ein 1,3-Liter-Ottomotor mit 40 kW, also rund 55 PS, vorgesehen. Mercedes-bezogene Archivtexte beschreiben ihn als Dreizylinder. Dazu kamen Frontantrieb und ein manuelles Getriebe. Die theoretische Höchstgeschwindigkeit lag bei knapp 150 km/h, von null auf 50 km/h sollten weniger als sechs Sekunden vergehen. Beim Verbrauch wurden rund vier Liter auf 100 Kilometer genannt, wobei für diesen Wert kein heute nachvollziehbarer Prüfzyklus dokumentiert ist.

Das war kein Auto für die linke Spur.

Das sollte es auch nie sein.

Der Trick lag unter dem Fußboden

Technisch interessanter als die Motorleistung war der Aufbau des Fahrzeugs. Der FCC arbeitete mit einem doppelten beziehungsweise erhöhten Fahrzeugboden. Motor und Getriebe waren so angeordnet, dass die kompakte Antriebseinheit bei einem schweren Frontalaufprall unter die Fahrgastzelle gleiten sollte, statt in den Innenraum einzudringen.

Wer jetzt an die erste A-Klasse denkt, liegt vollkommen richtig.

Das berühmte Sandwichkonzept der späteren A-Klasse funktionierte nach demselben Grundprinzip. Auch die hohe Sitzposition, der kurze Vorderwagen und die starke Raumausnutzung gehören zu jener technischen Idee, die Mercedes Anfang der Neunzigerjahre für ein völlig neues kompaktes Fahrzeugsegment entwickelte.

Dazu kamen Airbags, Gurtstraffer vorne sowie Gurte und Kopfstützen auf allen Sitzplätzen. Für einen kleinen, möglichst günstigen Familienwagen war das 1994 ein durchaus ambitioniertes Sicherheitskonzept.

Und damit sind wir bei der eigentlich spannenden Frage.

Wie viel A-Klasse steckt im FCC?

Sehr viel.

Nur eben andersherum, als die Geschichte häufig erzählt wird.

Mercedes zeigte bereits 1993 auf der IAA die Vision A 93. Im Geschäftsbericht desselben Jahres bezeichnete Daimler-Benz diese Studie ausdrücklich als Grundstein für die Entwicklung der neuen A-Klasse. Die spätere Serien-A-Klasse war zu diesem Zeitpunkt also längst ein konkretes Entwicklungsprojekt.

Noch deutlicher wird es im Juni 1994. Für den Bau des FCC brachte ein Mercedes-Team neben dem Claymodell des chinesischen Fahrzeugs auch ein mechanisiertes Chassis der damals laufenden A-Klasse-Entwicklung zu Stola nach Rivoli bei Turin. Dort wurde das Präsentationsfahrzeug aufgebaut.

Das ist der entscheidende Beleg.

Der FCC entstand nicht zuerst und wurde anschließend zur A-Klasse. Mercedes hatte die technische Grundidee des kleinen, hohen Fronttrieblers mit Sandwichboden bereits entwickelt. Der FCC war eine speziell für China angepasste Ausprägung dieses Programms.

Optisch gingen beide Projekte ebenfalls in dieselbe Richtung. Kurzer Vorderwagen, hohe Dachlinie, große Fenster, kompakte Länge und eine ungewöhnlich weit nach vorne gezogene Fahrgastzelle finden sich später in der Baureihe 168 wieder.

Wie viele konkrete FCC-Bauteile oder Designlösungen später tatsächlich in die Serien-A-Klasse übernommen wurden, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen allerdings nicht seriös bestimmen. Es gibt keine belastbare Teileliste und keine Angabe nach dem Muster „40 Prozent FCC, 60 Prozent Vision A“.

Die sauberste Formulierung lautet deshalb: Im FCC steckte mehr A-Klasse als später FCC in der A-Klasse.

Und plötzlich erklärt sich auch sein Aussehen

Wenn man das weiß, sieht der FCC sofort anders aus.

Er wirkt nicht mehr wie eine zufällig A-Klasse-ähnliche chinesische Studie. Er wirkt wie ein Entwicklungszweig derselben Familie.

Die spätere W168 wurde gestalterisch deutlich sauberer und selbstbewusster. Der FCC dagegen wirkt teilweise noch wie ein technischer Versuchsträger, dem jemand kurz vor Schluss eine Karosserie gegeben hat. Vor allem Front und Heck besitzen diese leicht unentschlossene Neunzigerjahre-Ästhetik, bei der irgendwo zwischen Kleinwagen, Van und Zukunftsstudie noch nicht ganz geklärt war, was man eigentlich sein wollte.

Aber die Proportionen sind bereits da.

Und genau die machen ihn heute so faszinierend.

Mercedes plante nicht nur einen Fünfsitzer

Auch beim Nutzungskonzept dachte Mercedes deutlich weiter als beim ausgestellten Auto.

Der fünftürige Fünfsitzer sollte nur die Basis bilden. Daraus waren eine längere Version mit sieben Sitzplätzen und drei Sitzreihen, ein fünfsitziger Pick-up mit kleiner Ladefläche sowie ein zweisitziger Kastenwagen mit größerem Laderaum ableitbar.

Heute würde man wahrscheinlich von einer modularen Fahrzeugarchitektur sprechen.

1994 malte man einfach mehrere Autos nebeneinander und erklärte, dass die Plattform das alles könne.

Gebaut wurde nach heutigem Kenntnisstand allerdings nur das eine vollständig ausgeführte Präsentationsfahrzeug der fünfsitzigen Grundversion. Daneben existierten das Claymodell und weitere Entwicklungsobjekte.

Gebaut wurde der FCC nicht einmal in Stuttgart

Auch seine Entstehung ist ungewöhnlich gut dokumentiert.

Am 9. Juni 1994 traf das Mercedes-Team beim italienischen Karosserie- und Modellbauspezialisten Stola in Rivoli ein. Mit dabei waren unter anderem Designer Harald Leschke, Franz Lecher und Jürgen Weissinger. Angeliefert wurden das FCC-Claymodell und das bereits erwähnte A-Klasse-Chassis.

Über den Sommer und Herbst entstand daraus das Showcar. Anfang November war das Auto fertig. Für die offiziellen Fotos ließ Mercedes nach der dokumentierten Projektgeschichte sogar eigens eine chinesische Familie nach Turin bringen, damit der geplante Nutzerkreis direkt im Fahrzeug gezeigt werden konnte.

Dann bekam die Geschichte noch einen fast filmreifen Nebenschauplatz.

Im Piemont herrschte Anfang November 1994 schweres Hochwasser. Straßen waren gesperrt, ganze Regionen betroffen. Der Mercedes-Transporter musste deshalb einen Umweg über den Brenner nehmen, um den Flughafen Frankfurt zu erreichen. Von dort sollte der FCC nach Peking weiterreisen.

Für einen Wagen, der später nie in Serie ging, hatte er bereits auf dem Weg zur ersten Präsentation erstaunlich viel erlebt.

Und dann war plötzlich Schluss

Das chinesische Familienauto-Projekt wurde 1995 beendet. Weder Mercedes noch Porsche oder einer der anderen beteiligten Hersteller erhielten den großen Serienauftrag, den sich viele von diesem Markt versprochen hatten.

Warum genau, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht auf einen einzelnen Grund reduzieren.

Es kursieren Zahlen zu angeblichen Produktionspreisen. Auch die Behauptung, Mercedes sei schlicht zu teuer gewesen, taucht immer wieder auf. Die Quellenlage reicht aber nicht aus, um daraus einen belastbaren Grund für das Ende des Projekts zu machen. Selbst die häufig genannten 100.000 Yuan beim Mercedes und 88.000 Yuan beim Porsche sind nicht sauber als tatsächliche Verkaufspreise dokumentiert.

Ebenso wenig lässt sich seriös behaupten, ein anderer Hersteller habe die Ausschreibung gewonnen.

Gewonnen hat am Ende niemand.

Und wo ist der FCC heute?

Beim Porsche C88 ist die Geschichte einfach. Das einzige Exemplar steht im Porsche-Museum.

Beim Mercedes FCC wird es interessanter.

Sein Bau in Rivoli ist dokumentiert, ebenso die offiziellen Fotos Anfang November 1994 und der Transport in Richtung Frankfurt und anschließend Peking. Auch seine Präsentation in China ist belegt. Danach verliert sich die öffentlich nachvollziehbare Spur.

Ich habe keinen belastbaren öffentlichen Nachweis gefunden, dass der FCC heute im Mercedes-Benz Museum steht. Ebenso wenig lässt sich belegen, dass er verschrottet wurde oder dauerhaft in China geblieben ist.

„Verschollen“ wäre trotzdem ein zu großes Wort. Nur weil sein Standort öffentlich nicht dokumentiert ist, bedeutet das nicht, dass Mercedes selbst nicht sehr genau weiß, wo das Fahrzeug steht.

Aber für eine Autogeschichte ist es natürlich schöner, wenn am Ende noch eine kleine offene Tür bleibt.

Die A-Klasse war schon vorher da und der FCC trotzdem wichtig

Was bleibt also vom Mercedes FCC?

Keine verlorene chinesische A-Klasse und auch kein Prototyp, aus dem Mercedes nach dem Scheitern hastig die W168 entwickelte.

Die A-Klasse war längst unterwegs.

Schon die Vision A 93 von 1993 führte direkt zur späteren Baureihe. Der FCC nutzte diese technische Welt für einen vollkommen anderen Zweck: ein günstiges, variables und möglichst raumeffizientes Familienauto für China. Die spätere Serien-A-Klasse übernahm dieselben Grundideen, weil sie aus derselben Entwicklungslinie entstanden waren.

Vielleicht ist der FCC deshalb sogar spannender, wenn man ihn nicht zum „Urahn der A-Klasse“ erklärt.

Er zeigt vielmehr, wie weit Mercedes mit diesem völlig neuen Fahrzeugkonzept bereits 1994 war und wie flexibel die Ingenieure damit experimentierten.

Gestern sollte China einen Porsche fürs Volk bekommen.

Heute wissen wir, dass Mercedes dort beinahe eine A-Klasse vor der A-Klasse hingestellt hätte.

Mercedes FCC und was aus ihm wurde, Fazit:

Beim ersten Foto war ich überzeugt, die Geschichte sei einfach. Da steht eine frühe A-Klasse, Mercedes hat sie nach China geschickt, das Projekt ging schief und drei Jahre später kam das Auto eben in Europa.

Nur stimmt das so nicht.

Und genau deshalb mag ich solche Geschichten.

Die Vision A 93 war schon 1993 da. Die spätere A-Klasse wurde zu diesem Zeitpunkt längst entwickelt. Als der FCC 1994 bei Stola aufgebaut wurde, brachte Mercedes sogar ein Chassis aus genau dieser Entwicklung mit. Der chinesische Wagen war also kein verlorener Ursprung der A-Klasse, sondern eine ziemlich spannende Seitenstraße auf dem Weg dorthin.

Trotzdem sieht man ihm die Verwandtschaft auf hundert Meter an. Das Raumkonzept, die hohe Sitzposition, der Sandwichboden und die kurzen Überhänge sind keine Zufälle.

Vielleicht ist das sogar interessanter als eine einfache Vorgeschichte.

Denn es zeigt, dass Mercedes damals nicht nur ein neues Auto entwickelte. Die Ingenieure entwickelten eine neue Idee davon, wie ein Mercedes überhaupt aussehen durfte.

Und der FCC war eine der ungewöhnlichsten Antworten darauf.

Link zum Artikel: Mercedes FCC und was aus ihm wurde.

Weitere Artikel:

Porsche C88 – Was aus ihm wurde.

1. Teil: Wo ist das original „Bonnie und Clyde-Auto“?

2. Teil: Die seltsame Geschichte von JFKs recyceltem Todesauto

3. Teil: Was wurde aus Sennas Auto?

4. Teil: James Deans „Little Bastard“: Was passierte mit dem Porsche 550 Spyder?!

5. Teil: Lady Diana und der verschwundene Mercedes oder eine Tragödie, ein W140 und ein Wrack, das sich bis heute der Öffentlichkeit entzieht

6. Teil: Steve McQueens Mustang aus „Bullitt“

7. Teil: Paul Walker’s Fast and Furious Nissan Skyline

8. Teil: „Herbie the Love Bug“ oder auch „Ein toller Käfer“

9. Teil: Teil 9 der prominenten Auto Geschichten: Der DeLorean, die Zeitmaschine und die Firma, die fast zu verrückt für die Wirklichkeit war

10. Teil: Wet Nellie, James Bond und der weiße Lotus, der am Ende bei Elon Musk strandete

11. Teil: Der Dodge Charger General Lee, der nie nur ein Fernsehauto war

12. Teil: Was wurde aus dem GMC Vandura aus dem A-Team?

13. Teil: Le Mans 1955: Der Tag, an dem der Motorsport seine Unschuld verlor

14. Teil: Mercedes-Benz Typ 150, Baureihe W 30

15. Teil (1): Cadillac Cyclone (1959)
15. Teil (2): Drei Männer und ein Cadillac

16. Teil: Beim ersten Mal war es am schönsten, aber wo bist du geblieben? Oder Das erste Auto!

17. Teil: Der erste Tesla und was wurde eigentlich aus ihm?


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