Mein Auto rostet und Karl, das Sandkorn

Warum ein Tag am Strand für uns Urlaub ist und fürs Auto manchmal der Anfang einer längeren Geschichte.
Heute also für euch „Mein Auto rostet oder Karl, das Sandkorn“.

Ich bin gerne am Strand. Sehr gerne sogar.
Mal mit dem Wohnmobil, mal mit dem Land Rover und eigentlich fast immer mit meiner Fellnase Tacker. Während ich aufs Meer schaue und mir für ein paar Stunden einrede, dass Nichtstun eine vollkommen legitime Beschäftigung ist, verfolgt mein Hund ohnehin sein ganz eigenes Konzept eines gelungenen Strandtages. Für ihn besteht dieser primär darin, möglichst große Mengen Sand in Fell, Pfoten, Ohren und anschließend in sämtliche zur Verfügung stehenden Fahrzeuge einzulagern.

Das funktioniert ausgesprochen zuverlässig und gehört irgendwie dazu. Was mich allerdings regelmäßig wundert, ist etwas anderes.
Menschen fahren mit ihren Autos direkt an den Strand, stellen sie stundenlang in die salzige Luft, rollen teilweise sogar über trockenen oder feuchten Sand und fahren anschließend einfach wieder komplett gedankenlos nach Hause.
Auto abstellen, Tür zu und fertig. Als wäre nichts gewesen.

Dabei sitzt irgendwo unter dem Wagen möglicherweise längst Karl.

Karl ist ungefähr einen Millimeter groß, beige, vollkommen unscheinbar und zunächst einmal absolut harmlos. Er hat keine bösen Absichten, keine Werkstattausbildung und vermutlich auch keinerlei Interesse an Korrosion. Karl ist einfach nur ein Sandkorn.

Trotzdem kann aus ihm mit den richtigen Kumpels und ein wenig Zeit eine ziemlich unangenehme Bekanntschaft werden.

Karl kommt mit

Seine Reise beginnt vollkommen unspektakulär. Es braucht keinen Sturm und auch keine wilde Fahrt durch die Brandung. Ein windiger Nachmittag, eine offene Autotür und ein sandiger Schuh reichen vollkommen aus, damit Karl plötzlich auf unserer Fußmatte liegt.

Dort ist es zunächst gar nicht schlecht. Es ist warm, trocken und erheblich windstiller als draußen. Dann fahren wir los, das Auto vibriert, wir bremsen und beschleunige, Karl bewegt sich langsam weiter. Er verschwindet zunächst im Teppich und findet später vielleicht eine kleine Ritze unter dem Sitz, von deren Existenz wir bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts wussten.

Seine Verwandtschaft verteilt sich ähnlich erfolgreich. Ein anderes Sandkorn landet in der Sitzschiene, eines verschwindet zwischen zwei Kunststoffteilen und das nächste findet ein Gurtschloss als neue Heimat. Das ist zunächst eher nervig als gefährlich, trotzdem gibt es dabei einen Punkt, den man nicht völlig ignorieren sollte: Sand besteht aus relativ harten mineralischen Partikeln. Sitzen diese dauerhaft zwischen zwei Oberflächen, die gegeneinander bewegt werden, können sie zusätzlichen Abrieb verursachen.

Niemand muss deshalb nach einem einzigen Strandbesuch das halbe Auto auseinanderbauen. Aber eine Sitzschiene voller Sand wird durch häufiges Verschieben eben nicht besser, auch in Dichtungen, Schaltern oder beweglichen Führungen hat das Zeug nichts verloren. Um es etwas weniger technisch auszudrücken: Karl gehört ungefähr so dringend in eine Sitzschiene wie Nutella in ein Radlager.

Unter dem Auto wird es interessanter

Im Innenraum ist unser kleiner Reisebegleiter also meistens vor allem lästig. Sein Bruder unter dem Fahrzeug besitzt allerdings das deutlich größere Karrierepotenzial.

Wer tatsächlich über einen Strand oder sehr sandigen Untergrund fährt, verteilt die Landschaft erstaunlich effizient am gesamten Unterboden. Sand landet in den Radkästen, an Schwellerbereichen, Achsteilen, Querlenkern, Federn, Befestigungspunkten, Unterbodenverkleidungen und auf den Innenseiten der Felgen. An einem Land Rover mit entsprechend zerklüftetem Unterbau finden sich dafür geradezu luxuriöse Wohnmöglichkeiten.

Und dann lernt Karl seinen besten Freund kennen: Kollege Salz.

Ab diesem Moment wird aus unserer kleinen Geschichte tatsächlich ein bisschen Chemie. Weder Sand noch Salz lassen ein Auto innerhalb eines Wochenendes zerfallen, und selbstverständlich darf ein Fahrzeug nass werden. Problematisch wird vielmehr die Kombination aus Salz, Feuchtigkeit, Schmutz und einer Stelle, an der der vorhandene Korrosionsschutz ohnehin nicht mehr hundertprozentig intakt ist.

Das kann ein kleiner Steinschlag sein, eine beschädigte Beschichtung, eine angeschlagene Kante oder eine Schraubverbindung, die seit Jahren Wind und Wetter ausgesetzt ist. Salzhaltige Feuchtigkeit erhöht die Leitfähigkeit des Wasserfilms und kann dadurch elektrochemische Korrosionsprozesse beschleunigen. Bleiben Sand und Schmutz zusätzlich in kleinen Falzen oder Vertiefungen liegen, trocknen diese Bereiche unter Umständen langsamer ab.

Und genau darin liegt das eigentlich Tückische. Oben steht ein Auto, das nach dem Wochenende vielleicht nur ein bisschen schmutzig aussieht. Unter dem Wagen kann sich währenddessen an einer völlig unscheinbaren Stelle eine Mischung festgesetzt haben, die über Wochen und Monate deutlich mehr bewirkt als der sichtbare Sand auf der Motorhaube.

Der typische Rostschaden beginnt eben selten mit einem dramatischen Ereignis. Viel häufiger ist es irgendwann eine kleine braune Stelle an einer Kante oder eine Schraube, die sich beim nächsten Werkstattbesuch plötzlich weigert, ihrer eigentlichen Bestimmung zu folgen und sich drehen zu lassen.

Bitte Karl nicht über den Lack ziehen

Eine Sache lässt sich nach einem Strandtag allerdings sehr einfach vermeiden: Sand trocken vom Lack zu wischen.

Das erscheint zunächst vollkommen logisch. Ein bisschen Sand liegt auf der Motorhaube, also nimmt man ein Tuch und entfernt ihn. Genau dabei können die harten Körner jedoch über den Klarlack gezogen werden und feine Kratzer verursachen. Der gewünschte Reinigungseffekt verwandelt sich dann unfreiwillig in eine ausgesprochen günstige Form der Lackbearbeitung.

Deshalb sollte nach einem wirklich sandigen Tag zunächst großzügig mit Wasser gearbeitet werden. Die losen Partikel müssen erst einmal vom Fahrzeug herunter, bevor Waschhandschuh, Schwamm oder Tuch Kontakt mit dem Lack bekommen. Gerade an waagerechten Flächen, unteren Türbereichen und Stoßfängern lohnt es sich, dabei etwas genauer hinzusehen, weil sich dort gerne mehr Material sammelt, als man auf den ersten Blick vermutet.

Ein Hochdruckreiniger kann dabei selbstverständlich helfen, solange man ihn als Reinigungsgerät benutzt und nicht versucht, aus zehn Zentimetern Entfernung herauszufinden, wie gut der Lack noch auf der Karosserie haftet.

Das eigentliche Problem sitzt dort, wo niemand hinsieht

Nach einer Strandfahrt würde ich mich deshalb auch nicht damit zufriedengeben, dass Motorhaube, Scheiben und Felgen wieder hübsch aussehen. Viel wichtiger sind genau die Bereiche, die normalerweise nicht für das perfekte Foto gebraucht werden.

Radkästen, Schweller, Einstiege und erreichbare Unterbodenbereiche sollten mit sauberem Wasser von den sandigen und salzigen Rückständen befreit werden. Auch hinter Verkleidungen und am Unterfahrschutz können sich erstaunliche Mengen sammeln.

Bei einem älteren Fahrzeug bedeutet das allerdings nicht, mit maximalem Wasserdruck in jede vorhandene Öffnung zu feuern. Wasser mit Gewalt in Hohlräume, Steckverbindungen oder unter alte Dichtungen zu drücken, kann das nächste Problem gleich mitliefern. Man möchte Sand und Salz entfernen und nicht gleichzeitig überprüfen, wie wasserdicht eine zwanzig Jahre alte Fahrzeugelektrik tatsächlich ist.

Für einen Discovery 2 lässt sich das Ganze deshalb auf eine ausgesprochen praktische Regel reduzieren: gründlich waschen, aber bitte nicht fluten. Der Wagen kennt schließlich auch ohne unsere Hilfe genügend Möglichkeiten, Wasser an Stellen zu bekommen, an denen wir es niemals vermutet hätten. Näheres zu dem Thema gibt es hier: recovery-discovery.de

Karl besucht die Bremse

Etwas ernster wird die Geschichte, sobald salzhaltiger Sand im Bereich der Bremsanlage landet.

Bremsscheiben reagieren ohnehin schnell auf Feuchtigkeit und können bereits nach einer nassen Nacht oberflächlichen Rost zeigen. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches und verschwindet bei leichter Korrosion normalerweise nach wenigen Bremsungen wieder. Bleiben Salz, Sand und Feuchtigkeit allerdings dauerhaft in der Umgebung von Bremssätteln, Führungen und anderen metallischen Teilen, können Korrosion und Verschleiß gefördert werden.

Deshalb würde ich nach einer intensiveren Strandfahrt weniger auf die optische Schönheit der Bremse achten und stattdessen einfach beobachten, ob sich ihr Verhalten verändert. Wenn plötzlich dauerhaft etwas schleift oder quietscht, das Fahrzeug beim Bremsen zu einer Seite zieht, ein Rad auffällig warm wird oder neue mahlende Geräusche auftreten, sollte jemand draufschauen, der sich damit auskennt.

Bei unserem Land Rover gibt es genügend Geräusche, die wir inzwischen großzügig unter Charakter verbuchen. Bei der Bremse halte ich diese Form der Toleranz allerdings für weniger angebracht.

Tacker und die mobile Sandverteilung

Zurück zum Innenraum, wo Tacker inzwischen vermutlich schon die zweite Ladung Strand verteilt hat.

Wer einen Hund besitzt, kennt das Phänomen ohnehin: Nach einem einzigen Nachmittag am Meer befindet sich genug Sand im Fahrzeug, um hinter den Vordersitzen einen kleinen Küstenabschnitt auszuweisen. Ein Teil bleibt auf den Matten liegen, ein anderer verschwindet unter den Sitzen, in den Schienen oder im Kofferraum und der Rest taucht ungefähr drei Monate später an Stellen auf, an denen physikalisch eigentlich überhaupt kein Sand hätte hinkommen können.

Hier hilft keine große Wissenschaft. Matten raus, gründlich ausschütteln und anschließend saugen. Dabei sollte man sich allerdings nicht nur auf die sichtbaren Flächen konzentrieren, sondern gerade Sitzschienen, Gurtschlösser, Kofferraummulden und die Ritzen zwischen Polstern und Verkleidungen mitnehmen.

Von der beliebten Methode, den Sand mit Druckluft aus den sichtbaren Bereichen möglichst tief ins Fahrzeug zu befördern, halte ich persönlich weniger. Man löst das Problem damit nicht, sondern verschafft Karl lediglich eine größere Wohnung. Ein Pinsel oder eine weiche Bürste in Verbindung mit einem Staubsauger funktioniert meistens deutlich sinnvoller.

Selbst der Motor kann Karl kennenlernen

Wer lediglich auf einem befestigten Parkplatz am Meer gestanden hat, muss anschließend natürlich nicht den Motor zerlegen. Bei längeren Fahrten über trockenen Sand oder sehr staubige Wege sieht die Sache etwas anders aus.

Der Motor benötigt große Mengen Luft und alles, was er ansaugt, muss durch den Luftfilter. Dessen Aufgabe besteht schließlich genau darin, Staub und Partikel vom Motor fernzuhalten. Nach einer ausgesprochen staubigen Tour lohnt deshalb ein Blick in den Luftfilterkasten.
Sieht der Filter weiterhin normal aus, wird er wieder geschlossen und die Sache ist erledigt. Sieht er dagegen aus wie ein paniertes Schnitzel kurz vor der Pfanne, darf man über einen Austausch nachdenken.

Ähnliches gilt für den Innenraumfilter, besonders dann, wenn die Lüftung anschließend weniger Luft fördert oder der Filter ohnehin schon älter ist.

Und wenn wir schon einmal vorne am Auto stehen, können wir auch durch den Kühlergrill schauen. Gerade Geländefahrzeuge bewegen sich auf schwierigem Untergrund häufig langsam und gleichzeitig unter relativ hoher Last. Staub, Sand, Insekten und Pflanzenreste können sich dabei am Kühler oder Klimakondensator ansammeln. Einige Sandkörner interessieren das Kühlsystem herzlich wenig, ein stark zugesetztes Kühlpaket kann den Luftdurchsatz jedoch durchaus verschlechtern.

Auch hier braucht es keine Panik. Man schaut einfach hin. Sind die Lamellen weitgehend frei, wunderbar. Hat man dagegen den Eindruck, dass sich zwischen Stoßfänger und Motor inzwischen eine kleine Düne gebildet hat, wäre eine vorsichtige Reinigung keine schlechte Idee.

Karl ist nicht der Bösewicht

Damit sind wir eigentlich bei der wichtigsten Erkenntnis der ganzen Geschichte. Karl selbst ist nicht das Problem und ein einzelnes Sandkorn wird niemals ein Auto zerstören. Selbst nach mehreren Strandtagen muss niemand erwarten, dass morgens plötzlich die Achse neben dem Fahrzeug liegt.

Entscheidend ist die Kombination aus Sand, Salz, Feuchtigkeit, bereits vorhandenen Beschädigungen und genügend Zeit. Sand und Schmutz können Feuchtigkeit an schlecht erreichbaren Stellen festhalten, Salz beschleunigt unter geeigneten Bedingungen die Korrosion und irgendwo befindet sich vielleicht bereits eine beschädigte Beschichtung oder ungeschützte Metallkante, an der das Ganze anfangen kann.

Das Ergebnis ist meistens viel unspektakulärer, als man erwarten würde. Vielleicht wird lediglich eine Schraubverbindung immer rostiger, eine Führung irgendwann schwergängig oder aus einem winzigen Lackschaden entwickelt sich über Jahre ein größeres Rostproblem. Genau deshalb werden solche Dinge gerne ignoriert, bis irgendwann eine Werkstattrechnung vor einem liegt und man sich fragt, wie aus ein paar Tagen am Meer eigentlich so viel Arbeit entstehen konnte.

Ich werde deshalb trotzdem keinen großen Bogen um Strände machen. Ganz im Gegenteil. Wir werden weiterhin mit dem Wohnmobil ans Meer fahren, der Land Rover darf weiterhin Sand unter die Reifen bekommen und Tacker wird auch künftig mit erstaunlicher Konsequenz versuchen, mindestens die Hälfte des Strandes mit nach Hause zu nehmen.

Autos sind schließlich zum Benutzen da, und bei einem Geländewagen wäre es schon etwas merkwürdig, ihn aus Angst vor Sand ausschließlich auf frisch gefegtem Asphalt zu bewegen.

Aber wenn wir anschließend wieder zu Hause sind, bekommt der alte Geselle eben seine Dusche. Damit verschwinden Sand und Salz, bevor sie sich irgendwo dauerhaft einrichten können, und Karl beendet seine Reise hoffentlich wieder dort, wo sie angefangen hat.

Denn die wirklich unangenehmen Probleme am Auto beginnen erstaunlich häufig vollkommen unspektakulär. Es kann zunächst nur ein neues Geräusch sein, ein einzelner Tropfen unter dem Fahrzeug oder eine winzige Roststelle an einer Kante, die vorher niemand beachtet hat. Genauso kann es eben mit einem unscheinbaren Sandkorn anfangen, das nach einem schönen Wochenende am Meer irgendwo unter dem Auto liegen bleibt und dort erheblich länger Urlaub macht als wir.

Karl muss deshalb keineswegs zu Hause bleiben. Er sollte nur nicht mit uns einziehen.


Nach dem Strand: Die technische Checkliste

Lack und Karosserie: Zunächst reichlich mit sauberem Wasser vorspülen und Sand vollständig entfernen, bevor Tuch, Schwamm oder Waschhandschuh eingesetzt werden. Anschließend besonders Steinschläge, Kanten und untere Karosseriebereiche kontrollieren.

Unterboden und Radkästen: Sand und salzhaltige Rückstände möglichst zeitnah mit Frischwasser entfernen. Dabei Schweller, Fahrwerksteile, Unterfahrschutz und die Innenseiten der Räder nicht vergessen.

Bremsanlage: Nach der Strandfahrt auf neue Schleif-, Quietsch- oder Mahlgeräusche achten. Ebenfalls prüfen, ob das Fahrzeug beim Bremsen zu einer Seite zieht oder ein Rad ungewöhnlich warm wird.

Innenraum: Matten herausnehmen, gründlich ausschütteln und anschließend Fußräume, Sitzschienen, Gurtschlösser, Kofferraum und schwer erreichbare Ritzen absaugen.

Luftfilter: Nach längeren Fahrten über trockenen Sand oder sehr staubige Wege kontrollieren und bei starker Verschmutzung ersetzen.

Innenraumfilter: Bei starkem Staubeintrag oder auffällig schwächerer Lüftung ebenfalls kontrollieren.

Kühler und Klimakondensator: Sichtprüfung auf starke Sand-, Staub- und Schmutzablagerungen. Bei Bedarf vorsichtig reinigen und empfindliche Kühlerlamellen nicht beschädigen.

Elektrik: Empfindliche Steckverbindungen und Sensoren nicht wahllos mit Hochdruck reinigen. Sichtbare salzhaltige Ablagerungen sollten entfernt werden, ohne dabei Wasser gezielt in elektrische Komponenten zu drücken.

Probefahrt danach: Auf neue Geräusche, Gerüche, verändertes Bremsverhalten, auffällige Temperaturen oder Warnmeldungen achten. Taucht etwas auf, das vor dem Strandbesuch nicht da war, lohnt es sich, der Ursache zeitnah nachzugehen.

Link zum Artikel: Mein Auto rostet oder Karl, das Sandkorn

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