Autogeschichten, Folge 16.
Fast Jede/r erinnert sich an den ersten Kuss, die erste große Liebe und meistens auch an das erste eigene Auto. Was diese Erinnerungen erstaunlich oft gemeinsam haben? Irgendwann verliert man sich aus den Augen.
Bei Automarken ist das kaum anders, Millionen Fahrzeuge sind seit ihren Anfängen entstanden, doch ausgerechnet das allererste Auto einer Marke ist erstaunlich häufig verschwunden. Also habe ich mich auf die Suche gemacht, wo sie geblieben sind, die Nummer eins von Benz, Ford, Porsche, Ferrari, Lamborghini, Renault, Toyota und all den anderen?
Es gibt Dinge, die offenbar im Kopf einen eigenen Parkplatz bekommen.
Der erste Kuss gehört dazu, die erste Freundin oder der erste Freund und ziemlich sicher auch das erste Auto. Selbst Menschen, die heute problemlos vergessen, wo sie gestern ihr Smartphone hingelegt haben, können häufig noch erstaunlich präzise erklären, welche Farbe dieser Wagen hatte, wie er roch, welche Macken er besaß und an welcher Stelle das Radio nur funktionierte, wenn man gleichzeitig an einer ganz bestimmten Stelle gegen das Armaturenbrett klopfte.
Nur eine Frage können die wenigsten beantworten: Wo ist dieses Auto heute?
Vielleicht fährt es noch, steht es irgendwo in einer Scheune oder wurde es wurde vor zwanzig Jahren gepresst, eingeschmolzen und ist inzwischen ein Teil einer Waschmaschine, eines Brückengeländers oder sogar wieder eines Autos geworden. Man weiß es nicht.
Letzte Woche kam mir bei unseren Autogeschichten genau diese Frage in einer etwas größeren Dimension: Was wurde eigentlich aus dem allerersten Auto der großen Hersteller?
Nicht aus dem ersten erfolgreichen Modell, nicht aus dem ersten Auto, das Millionen Menschen kennen. Sondern tatsächlich aus dem Auto, mit dem alles begann.
Das Ergebnis ist eine Mischung aus unglaublichem Glück, unternehmerischer Weitsicht, Scheunenfunden, Umbauten, verlorenen Fahrgestellnummern und einigen Fahrzeugen, bei denen selbst Historiker heute darüber streiten können, wie viel vom „ersten Auto“ eigentlich noch vorhanden sein muss, damit es weiterhin das erste Auto ist.

Schon die Frage nach der Nummer eins ist direkt so kompliziert, wie sie klingt
Bei einer modernen Automarke könnte man vermutlich einfach in der Produktionsdatenbank nach Fahrgestellnummer 000001 suchen. Bei Unternehmen, deren Geschichte teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, funktioniert das nicht.
Mercedes-Benz beispielsweise gibt es unter diesem Namen erst seit dem Zusammenschluss von Daimler und Benz im Jahr 1926. Trotzdem beginnt die heutige Unternehmensgeschichte selbstverständlich mit Carl Benz‘ Patent-Motorwagen und Gottlieb Daimlers Motorkutsche von 1886. Ford Motor Company entstand erst 1903, Henry Fords erstes Auto fuhr aber schon 1896. Ferdinand Porsche konstruierte sein erstes Automobil 1898, während der erste Sportwagen, der tatsächlich den Namen Porsche trug, erst 1948 entstand.
Bei Lamborghini wiederum kann man den einzigartigen Prototyp 350 GTV von 1963 als erstes Auto bezeichnen, obwohl erst der daraus entwickelte 350 GT das erste Serienauto wurde. Bei Škoda muss man eigentlich mit Laurin & Klement anfangen, bei Nissan mit Kwaishinsha und DAT und bei Mazda entscheiden, ob man nach dem ersten motorisierten Fahrzeug oder nach dem ersten Personenwagen fragt.
Wir suchen deshalb nicht nach einer juristischen Definition von „erstes Auto“, sondern nach dem Fahrzeug, das am Anfang der jeweiligen automobilen Geschichte stand. Und da gibt es tatsächlich einige erstaunliche Überlebende.
Der vermutlich berühmteste Überlebende wurde erst einmal zerlegt
Der Benz Patent-Motorwagen Nr. 1 von 1886 ist wahrscheinlich der prominenteste Kandidat. Und tatsächlich steht das Fahrzeug heute im Deutschen Museum in München.
Nur darf man sich seine Geschichte nicht so vorstellen, als habe Carl Benz ihn 1886 nach der letzten Fahrt ordentlich in eine Garage geschoben und dort auf das Museum gewartet. Nach den Versuchsfahrten wurde der Wagen zerlegt. Der Einzylindermotor soll anschließend sogar als stationärer Motor in der Werkstatt weitergearbeitet haben. Erst 1895 wurde der Motorwagen wieder zusammengesetzt.
Welche Teile dabei bereits ersetzt wurden, lässt sich heute nicht mehr vollständig nachvollziehen. Der Motor gilt jedoch als original. 1906 stifteten Carl Benz und seine Firma das Fahrzeug dem jungen Deutschen Museum; seit 1911 gehört es dort zur Dauerausstellung. Deutsches Museum
Das bedeutet: Das vielleicht wichtigste Automobil der Geschichte hat überlebt, aber selbst bei ihm beginnt schon die philosophische Frage nach der Originalität. Wenn ein Auto zerlegt, Jahre später wieder zusammengesetzt und dabei möglicherweise mit einigen erneuerten Teilen versehen wird, ist es dann noch das gleiche Auto?
Ich würde sagen: selbstverständlich, sonst müssten wir bei Oldtimern ziemlich schnell sehr viele Biografien für ungültig erklären.
Henry Ford hatte offenbar rechtzeitig Nostalgie
Auch schön ist die Geschichte von Henry Fords Quadricycle aus dem Jahr 1896. Ford baute dieses kleine, leichte Gefährt mit vier Fahrradrädern neun Jahre vor dem Model T und sieben Jahre vor der Gründung der Ford Motor Company.
Und dann machte er etwas, das viele von uns vom ersten Auto kennen, er verkaufte es.
Für 200 Dollar wechselte der Quadricycle 1896 den Besitzer und Ford verwendete das Geld gleich für sein nächstes Fahrzeugprojekt. Einige Jahre später muss ihm allerdings aufgegangen sein, dass er da möglicherweise mehr verkauft hatte als nur einen gebrauchten Kleinwagen.
1904 kaufte er den Quadricycle zurück.
Der Preis: 65 Dollar.
Man kann also argumentieren, dass Henry Ford beim eigenen ersten Auto nicht nur sentimentaler, sondern auch wirtschaftlich erfolgreicher war als die meisten von uns. Heute gehört der Wagen zur Sammlung des Henry Ford Museum in Dearborn. The Henry Ford
Es ist tatsächlich genau dieses Fahrzeug, mit dem Ford seine automobile Laufbahn begann. Kein späterer Nachbau, kein Ersatzexemplar aus derselben Baureihe.
Der Mann hat seine Nummer eins einfach zurückgekauft.
Tatra hat einen Überlebenden aus einer Welt vor Tatra
Ähnlich bemerkenswert ist der NW Präsident. Er entstand 1897/98 bei der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft im heutigen Kopřivnice und gilt als erstes dort gebautes Automobil mit Verbrennungsmotor. Der Firmenname Tatra kam erst später.
Das Nationale Technische Museum in Prag besitzt dieses Fahrzeug bis heute und bezeichnet es ausdrücklich als das erste in den böhmischen Ländern gefertigte Automobil. Das Museum datiert sein Exemplar auf 1898; Tatra selbst verortet den Beginn des Projekts bereits 1897. Národní technické muzeum
Der Präsident ist damit nicht irgendein Vertreter der ersten Baureihe, er ist der Anfang.
Er wurde während seines langen Lebens technisch verändert und natürlich konserviert beziehungsweise instand gesetzt. Gerade das ist aber vielleicht der Punkt: Ein 128 Jahre altes Auto, das überlebt hat, muss nicht aussehen, als sei gestern seine Schutzfolie abgezogen worden. Seine Umbauten und Reparaturen gehören irgendwann genauso zur Biografie wie seine Konstruktion.
Bei Lamborghini stand im ersten Auto anfangs nicht einmal ein funktionierender Motor
Wenn man Geschichten wie diese erzählt, landet man zwangsläufig bei Lamborghini, denn dort ist bereits die Geburt der Marke wunderbar italienisch.
Im Mai 1963 wurde Automobili Lamborghini gegründet, im Oktober stand der 350 GTV auf dem Turiner Autosalon. Das von Franco Scaglione gezeichnete Auto war eine Ansage an Ferrari und den Rest der italienischen Gran-Turismo-Welt.
Ferruccio Lamborghini wollte nicht irgendwann Autos bauen, er wollte sofort ernst genommen werden.
Der 350 GTV war allerdings eher Manifest als fertiges Automobil. Der V12 passte für die Messepräsentation noch nicht sauber in das Fahrzeug; der Prototyp war in seiner ursprünglichen Form nicht vollständig fahrbereit. Trotzdem war er das erste komplette Automobilprojekt der neuen Marke. Lamborghini selbst beschreibt ihn als direkten Vorläufer des 350 GT, der 1964 als erstes Serienmodell folgte.
Und dieses Einzelstück überlebte, Chassis 0001 wurde Jahrzehnte später restauriert und fahrfähig gemacht, wofür allerdings technische Veränderungen notwendig waren. Auch seine ursprüngliche Farbe wich einer späteren Lackierung.
Wieder haben wir also das gleiche Problem, das Fahrzeug ist noch da, sein Zustand von 1963 ist es nicht.
Aber wäre es wirklich besser gewesen, wenn niemand es angerührt hätte und dafür irgendwann nichts mehr übrig wäre?
Porsche besitzt gleich zwei erste Autos, je nachdem, welche Frage man stellt
Bei Porsche wird unsere Suche endgültig philosophisch.
Der erste Sportwagen, der tatsächlich den Namen Porsche trug, ist der 356 „Nr. 1“ Roadster. Am 8. Juni 1948 erhielt er seine Betriebserlaubnis. Dieses Auto existiert bis heute und gehört zur Porsche-Sammlung.
Allerdings sagt Porsche selbst ziemlich unmissverständlich, dass sein ursprünglicher Zustand verloren ist und nicht wiederhergestellt werden kann. Die Nr. 1 wechselte mehrfach den Besitzer, wurde beschädigt, repariert, modernisiert und umgebaut. Die Identität des Autos blieb erhalten; seine ursprüngliche Karosserieform nicht.
Und dann gibt es noch den Egger-Lohner C.2 Phaeton von 1898, den Ferdinand Porsche im Alter von 22 Jahren konstruierte. Das Elektroauto trägt heute den Spitznamen P1.
Es entstand ein halbes Jahrhundert vor der Porsche AG und ist damit kein Porsche im heutigen Markensinn. Trotzdem ist es das älteste erhaltene Fahrzeug, an dessen Konstruktion Ferdinand Porsche beteiligt war.
Das eigentlich Verrückte: Dieses Auto verschwand 1902 in einem Lager und blieb dort mehr als ein Jahrhundert. 2014 präsentierte Porsche das originale, unrestaurierte Fahrzeug wieder der Öffentlichkeit. Heute steht es im Porsche Museum.
Man sucht also das erste Porsche-Auto und findet am Ende zwei richtige Antworten. Automobilgeschichte kann herrlich unpraktisch sein.
Und bei vielen anderen kommt man nur noch bis „eines der ersten“
Bei anderen Herstellern ist die Nummer eins nicht mehr eindeutig feststellbar. Manchmal haben Fahrzeuge derselben ersten Baureihe überlebt, manchmal lediglich das älteste bekannte Exemplar.
| Marke | Der automobile Anfang | Was heute noch existiert |
|---|---|---|
| Opel | Patent-Motorwagen System Lutzmann, 1899 | Mehrere originale Fahrzeuge sind erhalten, darunter Exemplare bei Opel Classic und im Deutschen Museum; welches tatsächlich zuerst gebaut wurde, ist nicht belegt. |
| Peugeot | frühe Serpollet-Dampffahrzeuge ab 1889, später Benziner | Das Musée des Arts et Métiers besitzt sowohl einen sehr frühen Serpollet-Dampfwagen als auch einen Peugeot Type 3 von 1892; ein zweifelsfrei „allererster Peugeot“ lässt sich daraus nicht machen. |
| Renault | Type A, 1898 | Type-A-Fahrzeuge existieren, doch der an Weihnachten 1898 fertiggestellte Ursprungswagen lässt sich nicht eindeutig mit einem heute erhaltenen Fahrzeug gleichsetzen. |
| Fiat | 3½ HP, 1899 | Mehrere Exemplare der ersten Baureihe haben überlebt; die konkrete Nummer eins ist nicht identifiziert. |
| Škoda / Laurin & Klement | Voiturette A, 1905 | Fünf originale Voiturette A sind nachweislich erhalten; ein Exemplar steht im Škoda Museum. Die beiden ersten Prototypen von 1905 sind damit jedoch nicht automatisch identifiziert. |
| Volvo | ÖV4, Prototypen 1926, Serienstart 1927 | Von der frühen ÖV4-Geschichte sind historische Fahrzeuge erhalten; Volvo bestätigt zehn Prototypen von 1926 und das erste Serienauto vom 14. April 1927, ohne den heute erhaltenen Wagen eindeutig als Nummer eins auszuweisen. |
| Toyota | AA, 1936 | Ein einziger originaler Vorkriegs-AA ist bekannt. Er wurde 2008 bei Wladiwostok entdeckt, war stark umgebaut und ist der älteste bekannte Toyota – nicht nachweislich der erste. |
| Rolls-Royce | 10 hp, 1904 | Chassis 20154 ist der älteste erhaltene Rolls-Royce, aber nicht das erste gebaute Fahrzeug. |
| Cadillac | Model A, 1902/03 | Seriennummer 13 gilt als ältester bekannter Cadillac. Laut Werksunterlagen war er aber bereits das sechste fakturierte und dritte ausgelieferte Fahrzeug. |
Bei Škoda lässt sich die Situation inzwischen besonders gut belegen: Die Marke selbst nennt fünf erhaltene Originale der Voiturette A. Das Museumsfahrzeug stammt aus 1906; damit haben wir einen echten Vertreter des ersten Modells, aber keinen belastbaren Beweis, dass genau dieses Auto als erstes aus der Werkstatt rollte.
Toyota liefert die schönste Scheunenfundgeschichte dieser Gruppe. Jahrzehntelang galt es praktisch als ausgeschlossen, dass überhaupt noch ein echter AA existiert. Selbst das Werksmuseum musste sich mit einem Nachbau behelfen. Dann tauchte um 2008 in der Nähe von Wladiwostok ein stark veränderter AA auf, der nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar in die Sowjetunion gelangt war und später von einem sibirischen Landwirt genutzt wurde. Heute steht er im Louwman Museum in den Niederlanden. Louwman Museum
Auch bei Rolls-Royce ist die Formulierung „das erste Auto ist erhalten“ zu schön, um wahr zu sein. Chassis 20154 von 1904 ist zwar der älteste noch existierende Rolls-Royce und wurde 2007 für mehrere Millionen Pfund versteigert, aber frühere Fahrzeuge sind verschwunden.
Ferrari macht aus einer einfachen Frage einen Kriminalfall
Und dann kommen wir nach Maranello.
Der Ferrari 125 S von 1947 war das erste Auto, das den Namen Ferrari trug. Sein kleiner 1,5-Liter-V12 war der Anfang einer Geschichte, bei der damals vermutlich noch niemand ahnte, welche Bedeutung dieser Name einmal bekommen würde.
Ferrari selbst dokumentiert den 125 S als Ausgangspunkt der Markengeschichte. Am 12. März 1947 lief das noch unverkleidete Fahrgestell erstmals, zwei Monate später trat der Wagen in Piacenza zum ersten Rennen an.
Was anschließend geschah, ist typisch für Rennwagen jener Zeit und ein Albtraum für heutige Historiker. Chassis, Motoren und Karosserien wurden verändert, weiterentwickelt, umnummeriert und für spätere Modelle verwendet. Die beiden ursprünglichen 125-S-Fahrzeuge existieren deshalb nicht mehr in jenem Zustand, in dem sie 1947 auftraten.
Ganz verschwunden sind ihre Spuren möglicherweise trotzdem nicht.
Bei frühen Ferrari-Chassis wie 01C beziehungsweise dem später als 010I geführten Fahrzeug gibt es seit Jahrzehnten Diskussionen darüber, welche Originalteile der 125-S-Geschichte darin weiterleben. Gleichzeitig wird Chassis 002C häufig als ältester eindeutig erhaltener Ferrari bezeichnet. Die Quellenlage ist hier ungewöhnlich kompliziert, weil Ferrari die frühen Rennwagen nicht wie sakrosankte Museumsobjekte behandelte, sondern wie Arbeitsgeräte: Was weiterverwendet werden konnte, wurde weiterverwendet.
Ausgerechnet bei Ferrari lautet die Antwort auf unsere Frage deshalb nicht einfach „weg“. Sie lautet eher: zerlegt, weiterentwickelt und teilweise in späteren Autos aufgegangen.
Vielleicht ist das sogar eine passendere Ferrari-Geschichte.
Bentley hat Nummer zwei, und damit ziemlich viel Glück
Bentleys erstes Automobil hieß EXP1 und es war der experimentelle Anfang der 1919 gegründeten Marke.
EXP1 ist aber nicht erhalten.
Aber schon der zweite Wagen, EXP2, hat überlebt und gehört heute zur Bentley Heritage Collection. Bentley bezeichnet ihn selbst als das älteste noch existierende Fahrzeug der Marke. Außerdem, EXP2 ist nicht nur Nummer zwei, sondern auch der erste Bentley, der ein Rennen gewann.
Manchmal reicht es in der Automobilgeschichte offenbar, die Nummer zwei gut aufzubewahren.
Aston Martin verlor den Coal Scuttle aber Nummer drei ist noch da
Aston Martins erstes Auto war der später „Coal Scuttle“ genannte Prototyp. Lionel Martin und Robert Bamford bauten ihn auf einem eigenen Chassis mit einem überarbeiteten Coventry-Simplex-Motor. Aston Martin selbst bezeichnet den Wagen heute ausdrücklich als sein erstes Auto.
Er ist aber leider verschwunden.
Dafür existiert mit A3 von 1921 das älteste erhaltene Aston-Martin-Fahrzeug. Der Name ist wunderbar nüchtern: Es handelt sich um Chassis Nummer drei. Aston Martin bezeichnet A3 als dritten von fünf Prototypen, die vor Beginn der Serienproduktion entstanden. Heute gehört der Wagen zur Sammlung des Aston Martin Heritage Trust.
Nummer eins weg, Nummer drei gerettet. Für eine mehr als hundertjährige Marke ist das eigentlich keine schlechte Quote.
Und was ist mit BMW, Volkswagen, Citroën, Nissan und Mazda?
Die fünf Marken, bei denen meine erste Recherche noch kein belastbares Ergebnis geliefert hatte, machen die Sache nicht weniger interessant.
Bei BMW begann die Automobilgeschichte 1928 mit der Übernahme der Fahrzeugfabrik Eisenach und dem Dixi 3/15, einem Lizenzbau des Austin Seven. Ab 1929 wurden die weiterentwickelten Wagen als BMW 3/15 verkauft. Historische Originale dieser frühen Baureihe existieren, auch in der BMW-Sammlung, aber einen belastbaren Nachweis, welcher erhaltene Wagen tatsächlich der allererste von BMW gefertigte oder mit BMW-Zeichen ausgelieferte Wagen war, habe ich nicht gefunden. Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Das erste BMW-Auto ist derzeit nicht eindeutig einem erhaltenen Fahrzeug zuzuordnen.
Bei Volkswagen wird es historisch noch schwieriger. Vor der eigentlichen Serienproduktion entstanden mehrere Entwicklungsstufen und Versuchswagen. Die ganz frühen V-Prototypen und die W30-Testwagen sind nicht im Original erhalten; erhalten beziehungsweise wiederentdeckt wurde dagegen ein VW38-Vorserienwagen von 1938. Er gehört damit zu den ältesten noch existierenden direkten Vorläufern des Käfers, ist aber nicht der erste Volkswagen überhaupt.
Bei Citroën begann die Autoproduktion 1919 mit dem Type A. Das große Conservatoire der Marke besitzt Type-A-Fahrzeuge aus dieser Frühzeit. Dass dort jedoch exakt das allererste am Fließband entstandene Fahrzeug steht, lässt sich aus den verfügbaren Unterlagen nicht belastbar ableiten. Also auch hier: Das erste Modell lebt weiter, die eindeutige Nummer eins nicht.
Nissan führt seine automobile Abstammung bis zum DAT von 1914 zurück, der bei Kwaishinsha entstand. Der älteste Wagen der heutigen Nissan Heritage Collection ist allerdings ein Datsun Type 12 von 1933. Für einen erhaltenen originalen DAT von 1914 findet sich in der Heritage-Sammlung kein Nachweis. Damit dürfte auch hier die eigentliche Nummer eins verloren sein.
Und Mazda ist wieder ein Fall für die Definitionsabteilung. Das erste motorisierte Serienfahrzeug war 1931 der dreirädrige Mazda-Go, während der R360 von 1960 das erste Serien-Pkw-Modell der Marke wurde. Originale R360 existieren heute und sind unter anderem in Sammlungen zu sehen; dass eines davon tatsächlich das allererste produzierte Exemplar ist, ist jedoch nicht belegt.
Das Muster wiederholt sich also erstaunlich konsequent: Das erste Modell ist häufig bekannt, der erste Wagen ist es deutlich seltener.
Vielleicht haben Autos dasselbe Problem wie Menschen
Eigentlich ist es rückblickend gar nicht erstaunlich, dass so viele dieser Fahrzeuge verschwanden. Niemand wusste bei ihrer Entstehung, was sie einmal sein würden.
Als Henry Ford seinen Quadricycle verkaufte, war er kein Museumsstück, er war sein gebrauchtes erstes Auto.
Als Ferrari seine frühen Rennwagen zerlegte, waren sie keine millionenschweren Reliquien, sondern technische Ausgangspunkte für schnellere Autos und als Porsche Nr. 1 beschädigt wurde, baute man ihn eben wieder auf.
Und wenn ein Hersteller 1905 ein neues Fahrzeug fertigstellte, war die Frage meist nicht, ob es 120 Jahre später noch authentisch sein würde.
Es sollte funktionieren, es sollte verkauft werden und das nächste sowieso besser werden.
Erst Jahrzehnte später stellte jemand fest, dass genau jener Wagen inzwischen der Anfang einer Weltmarke gewesen war.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich diese Geschichte an unser erstes eigenes Auto erinnert. Man kauft es nicht als historischen Gegenstand.
Es ist einfach das Auto, das man sich leisten kann, mit dem man zur Arbeit fährt, Freunde abholt, in Urlaub fährt und irgendwann Dinge erlebt, von denen man Jahre später erzählt.
Dann kommt ein besseres Auto und das erste verschwindet.
Das erste Auto, Fazit
An den ersten Kuss erinnern wir uns meistens.
An die erste große Liebe ebenfalls.
Und wer Autos mag, dürfte sein erstes Auto selbst dann noch ziemlich genau vor Augen haben, wenn es längst nicht mehr existiert.
Vielleicht wissen wir sogar noch das Kennzeichen. Aber wo es heute steht?
Keine Ahnung.
Bei Automobilherstellern ist das erstaunlicherweise kaum anders. Unternehmen, deren Archive heute Millionen Dokumente umfassen und deren historische Abteilungen jede Schraube eines Rennwagens katalogisieren, haben teilweise ausgerechnet das Fahrzeug verloren, mit dem ihre Geschichte begann.
Mercedes-Benz kann auf den Patent-Motorwagen zeigen, Ford hat Henrys Quadricycle. Tatra seinen Präsident,. Lamborghini seinen GTV und Porsche sogar mehrere mögliche Antworten auf die Frage nach dem Anfang.
Ferrari dagegen hat seine ersten Autos weiterverarbeitet, Bentley rettete Nummer zwei und Aston Martin besitzt Nummer drei.
Andere Marken können nur sagen: So sah das erste Modell aus, aber genau dieses eine Auto haben wir nicht mehr.
Und irgendwie gefällt mir daran, dass selbst große Konzerne offenbar nicht immer wussten, welcher Moment gerade Geschichte schrieb.
Vielleicht ist das ohnehin meistens so, denn auch beim ersten eigenen Auto stellt sich selten jemand daneben, macht ein Foto und denkt: Diesen Wagen werde ich in vierzig Jahren schmerzlich vermissen.
Man legt irgendwann einfach den Schlüssel auf den Tisch, unterschreibt den Kaufvertrag für den nächsten und fährt davon. Jahre später fragt man sich plötzlich:
Wo bist du eigentlich geblieben?
Link zum Artikel: Beim ersten Mal war es am schönsten, aber wo bist du geblieben? Oder Das erste Auto
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